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1. Leitgedanken zum Kompetenzerwerb

1.1 Bildungswert des Faches Ethik

Ethisch-moralische Urteilsbildung in praktischer Absicht

Es gehört zu den zentralen Aufgaben schulischer Bildung, Schülerinnen und Schüler zur Gestaltung eines selbstbestimmten und verantwortungsbewussten Lebens zu befähigen. Sie orientieren sich an dem „Projekt der Aufklärung“, das der Idee der universellen Menschenrechte, dem Rechtsstaat, der Zivilgesellschaft und dem Diskursprinzip verpflichtet ist. Der Ethikunterricht leistet zu diesem humanen Bildungsziel einen wichtigen Beitrag.

Sein Hauptziel besteht darin, die Schülerinnen und Schüler im systematischen Aufbau und in der individuellen Aneignung von Orientierungswissen zur ethisch-moralischen Urteilsbildung in praktischer Absicht zu befähigen. Das Begriffspaar ethisch und moralisch entspricht in diesem Zusammenhang der gängigen Unterscheidung von Ethik als Reflexion und Begründung der Moral und Moral als Inbegriff von Überzeugungen, Werten und Normen in einer Gesellschaft, die sich auf das Verhalten der Menschen zueinander und zu der Natur beziehen. „Ethisch-moralisch“ soll darüber hinaus verdeutlichen, dass im Ethikunterricht die beiden Hauptfragen philosophischer Ethik „Wie soll ich handeln, um ein gutes beziehungsweise glückliches Leben zu führen?“ und „Wie soll ich handeln, um moralisch gut zu handeln?“ in gleichem Maße zu berücksichtigen sind.

Ausgangspunkt im Ethikunterricht sind dabei in der Regel die konkreten moralischen Überzeugungen, Intuitionen, Fragen und Probleme, mit denen die Schülerinnen und Schüler in ihrer Lebenswelt konfrontiert sind. Mit diesen setzen sie sich kritisch auseinander, sodass kulturspezifische und partikulare Regeln und Traditionen, die sich an einem „guten Leben“ orientieren, ebenso thematisiert werden wie universelle Grundsätze einer Ethik des rechten Handelns.

Ethisch-moralische Urteilsbildung in praktischer Absicht wird hierbei immer sowohl als Resultat als auch als Prozess der Urteilsbildung verstanden. Sie soll sich dabei grundsätzlich an der Praxis, der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler orientieren und ihnen Handlungsperspektiven anbieten, ohne ihnen jedoch konkrete Handlungen vorzuschreiben. Die Schülerinnen und Schüler sollen in Situationen, die ethisch-moralisches Urteilen und Handeln erfordern, begründet und reflektiert entscheiden und handeln können. Das Wissen um Werte und Normen und ihre Bedeutung für das Zusammenleben bilden dabei eine wichtige Grundlage. Der Ethikunterricht verfolgt keine Erziehung zu einer bestimmten Gesinnung, sondern fördert Selbstbestimmung und unterstützt den Prozess der Urteilsbildung. Der Zusammenhang zwischen Urteilen, Entscheiden und Handeln in ethisch relevanten Kontexten soll dabei immer wieder explizit hergestellt werden. Weitere Ziele des Ethikunterrichts wie Moralerziehung, Unterstützung bei der Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen oder der Erwerb moralphilosophischer Kenntnisse sind ebenfalls relevant und zu berücksichtigen, bleiben aber dem genannten Hauptziel des Ethikunterrichts nachgeordnet.

Bei dieser Zielvorgabe geht der Bildungsplan Ethik von einem Verständnis des Menschen aus, der sich als grundsätzlich selbstbestimmtes Individuum in seinem Handeln an moralischen Prinzipien und an Vorstellungen eines in seinen Grundsätzen begründbaren guten Lebens orientiert. Angesichts der wissenschaftlich-technischen, gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen und der damit einhergehenden zunehmenden Unübersichtlichkeit bedarf das Individuum mehr denn je dieser Fähigkeit zur ethischen Orientierung. Das durch den Ethikunterricht erarbeitete Orientierungswissen ermöglicht den Schülerinnen und Schülern die Auseinandersetzung mit der Vielfalt in einer pluralistischen Gesellschaft. Dabei spielen reflektierte Vorstellungen von Selbstbestimmung, Gerechtigkeit und das Wissen um die eigene Verantwortung eine grundlegende Rolle.

Leitbegriffe für das Fach Ethik

Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung sind zentrale Werte unserer Gesellschaft. Als Leitbegriffe des Bildungsplans Ethik sind sie richtungsweisend für die verschiedenen prozess- und inhaltsbezogenen Kompetenzen. Kompetenzen bezeichnen lernbare Fähigkeiten und Kenntnisse von Schülerinnen und Schülern, die zur Erarbeitung von Problemlösungen dienen, wodurch sie sich die Welt erschließen und auf ihrem Weg zur Mündigkeit gefördert werden.

Verantwortlichkeit im Handeln ist an die Idee der Selbstbestimmung gebunden. Freiheit im Sinne von Autonomie ermöglicht es dem Menschen, sich selbst für sein Handeln verallgemeinerbare Regeln zu setzen und diesen zu folgen. Diesen Übergang zu einem autonomen Moralverständnis zu vollziehen, ist eine der zentralen Entwicklungsaufgaben Jugendlicher.

Individuelles Handeln ist zugleich soziales Handeln, es findet in sozialen Beziehungen statt. Gerechtigkeit gilt seit der Antike als die Tugend sozialer Institutionen, denn sie setzt Maßstäbe für ein gutes Leben möglichst aller. Zum Kern unserer Vorstellungen von Gerechtigkeit gehören die unveräußerlichen Menschenrechte, die Idee der Menschenwürde und das Prinzip der Solidarität. Fragen der Gerechtigkeit spielen gerade in der Phase der Identitätsbildung eine große Rolle; so beginnen Jugendliche zunehmend mit postkonventionellen Handlungsnormen und Gerechtigkeitsgrundsätzen zu argumentieren.

Verantwortung im ethisch-moralischen Sinne ist im Hinblick auf eine menschenwürdig gestaltete Welt, in der wir Verantwortung für uns selbst, für andere, unsere Umwelt und nachfolgende Generationen übernehmen, unverzichtbar. Wir fühlen uns verantwortlich und dieses Gefühl der Verantwortung ist aufs engste mit unseren Einstellungen und Werten verknüpft. Es motiviert uns zu handeln und setzt wiederum Selbstbestimmung und Autonomie voraus. Verantwortung wahrzunehmen zeichnet die moralisch mündige Persönlichkeit aus. Sie verfügt über Urteilsfähigkeit, kann kritisch Stellung nehmen und in Übereinstimmung mit ethischen Grundsätzen handeln. In der Phase der Adoleszenz sind Jugendliche zunehmend gefordert und fähig, sich mit Grundlagen und Begründungen ihrer eigenen Entscheidungen, Handlungen und deren Folgen auseinanderzusetzen.

Kompetenzprogression

Ethisch-moralische Urteilsbildung in praktischer Absicht als Ziel des Ethikunterrichts wird als Prozess verstanden, der für den jeweiligen Reflexions- und Urteilsprozess auf den verschiedenen Jahrgangsstufen progressiv angelegt ist: Die Schülerinnen und Schüler nehmen in einem ersten Schritt eine Situation oder einen Sachverhalt auch unter Berücksichtigung fremder und eigener Gefühle und verschiedener Perspektiven als moralisch relevant wahr. Mithilfe konkreter Beispiele und bezogen auf Quellen der Praktischen Philosophie und anderer Bezugswissenschaften erschließen sie diese Situation oder diesen Sachverhalt. Sie entwickeln schließlich eine eigenständige Argumentation zur Beurteilung des Problems, positionieren sich und entwerfen gegebenenfalls konkrete Handlungsmöglichkeiten. Dabei berücksichtigen sie auch die Bedeutung von Gefühlen in Entscheidungssituationen.

In diesem Prozess der Urteilsbildung in praktischer Absicht sind verschiedene, aufeinander aufbauende Phasen zu unterscheiden, in denen einzelne Kompetenzen besonders zum Tragen kommen. Sie werden im Bildungsplan für das Fach Ethik als prozessbezogene Kompetenzen ausgewiesen und differenziert: „Wahrnehmen und sich hineinversetzen“, „Analysieren und interpretieren“, „Argumentieren und reflektieren“ sowie „Beurteilen und (sich) entscheiden“. Diese vier prozessbezogenen Kompetenzpaare im Zusammenwirken mit ausgewählten inhaltsbezogenen Kompetenzbereichen sind für den Ethikunterricht maßgebend.

Ethisch-moralisches Urteilen impliziert selbstbestimmtes Urteilen und Handeln; es setzt Autonomie voraus, eine Orientierung an Gerechtigkeit und das Bewusstsein der Verantwortung für die eigenen ethisch-moralisch begründeten Überzeugungen und Handlungen. Im Ethikunterricht lernen die Schülerinnen und Schüler exemplarisch, sich zu Fragestellungen zu positionieren und ihre Urteile auch im Hinblick auf ihr Handeln reflektiert zu begründen. Sie erwerben somit im Ethikunterricht die Kompetenz der ethisch-moralischen Urteilsbildung in praktischer Absicht.

Beitrag des Faches zu den Leitperspektiven

In welcher Weise das Fach Ethik einen Beitrag zu den Leitperspektiven leistet, wird im Folgenden dargestellt:

  • Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)
    Im Ethikunterricht geht es in den verschiedenen Themenfeldern immer grundsätzlich um Fragen der Gerechtigkeit, der Verantwortung und Freiheit. Dabei werden gerade auch ethische Fragen und Problemstellungen verschiedener Bereiche der Angewandten Ethik (Umwelt, Medien, Medizin, Wirtschaft, Wissenschaft) systematisch über die verschiedenen Klassenstufen im Hinblick auf Urteilskompetenz und Handlungsmöglichkeiten im Sinne der Nachhaltigkeit behandelt. Dies ist an der Vielzahl der Verweise auf diese Leitperspektive, insbesondere auf Teilhabe, Mitwirkung, Mitbestimmung, Demokratiefähigkeit und etwa Bedeutung und Gefährdung nachhaltiger Entwicklung sowohl im Nahbereich als auch in globaler Hinsicht ablesbar. Auf die Punktuation „Werte und Normen in Entscheidungssituationen“ wird im Bildungsplan Ethik nicht ausdrücklich verwiesen, denn sie bilden die Grundlagen des Faches und sind im ganzen Plan gegenwärtig.
  • Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt (BTV)
    Im Ethikunterricht geht es immer auch um die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Eigenen und dem Anderen, der Reflexion des eigenen Tuns und der Frage nach den zugrundeliegenden allgemeinen Prinzipien in individuellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Demzufolge sind die Grundgedanken der Leitperspektive Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt im Bildungsplan Ethik aufgehoben und deutlich gemacht durch Verweise auf personale und gesellschaftliche Vielfalt, Selbstfindung und Akzeptanz anderer Lebensformen, Konfliktbewältigung und Interessenausgleich sowie Formen interkulturellen und interreligiösen Dialogs. Da für das Fach Ethik Werte und Normen ständige Bezugsgrößen sind, wird auf die Punktuation „Wertorientiertes Handeln“ nicht explizit verwiesen.
  • Prävention und Gesundheitsförderung (PG)
    Die Reflexion der persönlichen Lebens- und Zukunftsgestaltung ist fester Bestandteil des Ethikunterrichts und schließt die Beschäftigung mit Vorstellungen eines guten Lebens für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft ein. In diesem Sinne sind Aspekte gelingender Kommunikation, Umgehen mit Gefühlen, Begründung von Handlungen und Beziehungsgestaltung, die in der Leitperspektive Prävention und Gesundheitsförderung zum Ausdruck kommen, im Bildungsplan Ethik verankert und durch Verweise auf „Selbstregulation und Lernen“, „Körper und Hygiene“, „Wahrnehmung und Empfindung“ und „Mobbing und Gewalt“ ausgewiesen.
  • Berufliche Orientierung (BO)
    Im Ethikunterricht sind einerseits die Beschäftigung mit dem eigenen Werdegang und Vorstellungen der persönlichen Lebensgestaltung relevant, darüber hinaus erwerben die Schülerinnen und Schüler Analyse‑, Urteils- und Entscheidungskompetenzen, die sie bei ihrer Einschätzung und Überprüfung der eigenen Fähigkeiten und Potenziale auch im Hinblick auf ihre berufliche Orientierung stärken, was punktuell durch entsprechende Verweise ausgewiesen ist.
  • Medienbildung (MB)
    Einerseits ist Medienbildung eine Kompetenz, die im Ethikunterricht präsent ist, da das Bezugsmaterial wie beispielsweise Zeitschriften, Internet, Filme, Bücher, Comics immer schon vielfältige Medien berücksichtigt und in den Kompetenzerwerb der Schülerinnen und Schüler einbindet. Neben der Handlungskompetenz wird jedoch in verschiedenen Themenfeldern die Beschäftigung und kritische Auseinandersetzung mit Medien im Hinblick auf ethische Fragen und Probleme explizit thematisiert, sodass auf Mediengesellschaft, informationelle Selbstbestimmung und Datenschutz sowie Kommunikation und Kooperation rekurriert wird.
  • Verbraucherbildung (VB)
    Das Fach Ethik als eine Teildisziplin der Philosophie zeichnet sich auch durch das Infragestellen und Hinterfragen gesellschaftlicher Gegebenheiten und des scheinbar Selbstverständlichen unter ethisch-moralischen Gesichtspunkten aus. In diesem Sinne werden im Ethikunterricht das Konsumverhalten der und des Einzelnen sowie verschiedene Formen der Verbraucherbeeinflussung und der Verbraucherpolitik thematisiert und diskutiert, jedoch im Kontext der Werte, die für eine pluralistische Welt-Gesellschaft grundlegend sind. Hierbei spielen die Leitbegriffe des Fachs Ethik – Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung –, die auch das Menschenbild der Moderne prägen, eine zentrale Rolle. Verweise auf die Leitperspektive finden sich im Rahmen dieser Auseinandersetzung.

1.2 Kompetenzen

In den verschiedenen Bildungsstandards werden die prozessbezogenen Kompetenzen, die sich aus der Zielbeschreibung des Ethikunterrichts, der ethisch-moralischen Urteilsbildung in praktischer Absicht, ergeben, mit inhaltsbezogenen Kompetenzen zusammengeführt, so beispielsweise mit verschiedenen Themenfeldern oder Begründungsansätzen der Moral. Bezugspunkt für deren Auswahl bilden zum einen die Leitbegriffe Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung und zum anderen die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler mit Bezug auf ethisch relevante Fragestellungen.



Zusammenhang zwischen Kompetenzen, Leitbegriffen und dem Ziel des Ethikunterrichts (© Landesinstitut für Schulentwicklung)
Schaubild zum Zusammenhang zwischen Kompetenzen, Leitbegriffen und dem Ziel des Ethikunterrichts (von der Ethikkommission erstellt)

Die prozessbezogenen Kompetenzen werden anhand der inhaltsbezogenen Kompetenzen, wie sie im Bildungsplan Ethik ausgeführt sind, erworben. Beide Kompetenzbereiche sind so konzipiert und formuliert, dass sie sich in der Unterrichtspraxis an vielen Stellen sinnvoll verbinden oder zusammenführen lassen. Die in den Beschreibungen der inhaltsbezogenen Kompetenzen in Klammern beispielhaft gesetzten Konkretisierungen können übernommen und in der Unterrichtspraxis umgesetzt werden. Eine inhaltliche Engführung wird jedoch im Fach Ethik vermieden, da immer auch aktuelle ethisch relevante Themen, Ereignisse und Entwicklungen mit Blick auf die Schülerinnen und Schüler Berücksichtigung finden sollen. So sind die verschiedenen Themenfelder nicht notwendigerweise in der vorgegebenen Reihenfolge zu behandeln. Themenfelder, in denen sich die Schülerinnen und Schüler mit Grundfragen der Moral beschäftigen, finden sich jeweils am Ende der Klassenstufen. Hier wird mit Rückbezug auf die Themenfelder explizit angegeben, welche Kompetenzen eingeübt werden müssen.

Teilkompetenzen aus den verschiedenen Themenfeldern können selbstverständlich auch miteinander verknüpft werden. Hierzu bieten sich beispielsweise Themen wie Glück, Konsum oder aktuelle ethisch-moralische Fragestellungen an, die wegen der ansonsten unüberschaubaren Stofffülle oder aus Aktualitätsgründen nicht explizit im Bildungsplan Ethik genannt sind. Die in den inhaltsbezogenen Teilkompetenzen verwendeten Operatoren unterstützen die Überprüfbarkeit der beschriebenen Kompetenzen.

1.3 Didaktische Hinweise

Stufenspezifisches Vorgehen und Progression

In den Klassenstufen 8 bis10 ist die Struktur des Bildungsplans durch solche Themenfelder bestimmt, die der Angewandten Ethik zugeordnet werden können. Sie gehen von der Lebenswelt und dem Erfahrungsraum der Schülerinnen und Schüler aus und machen den ethisch-moralischen Gehalt oder die damit zusammenhängenden Fragen und Probleme bewusst. Dadurch werden die Schülerinnen und Schüler gestärkt, sich altersgemäß zu Handlungen oder Handlungsmöglichkeiten unter Berücksichtigung moralischer Werte zu positionieren, eigene Handlungsoptionen zu entwickeln, sie zu beurteilen und sich begründet zu entscheiden. Hierbei bilden die Leitbegriffe Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung eine klare ethische Orientierung.

Heterogenität und Vielfalt im Ethikunterricht

Der Ethikunterricht ist in besonderer Weise durch die weltanschauliche Heterogenität der Schülerinnen und Schüler geprägt. Hier lernen die Schülerinnen und Schüler, sich über Wertvorstellungen und Weltanschauungen auszutauschen und das Leben in einer pluralistischen Gesellschaft einzuüben. Sie lernen gesellschaftliche und kulturelle Konflikte beziehungsweise Konfrontationen als solche wahrzunehmen und zu analysieren sowie zu bewerten und gegebenenfalls Lösungsstrategien begründet zu entwickeln. Diese Heterogenität der Schülerinnen und Schüler erfordert einen besonders sensiblen Umgang mit ihnen und eine bedachte Auswahl von Themen und Problemfällen.

Die Vielfalt ethischer Orientierungen in einer pluralistischen Gesellschaft sowie die Vielzahl und die Geschwindigkeit wissenschaftlich-technischer Neuerungen werfen immer wieder neue ethische und moralische Fragestellungen auf. Dass der Ethikunterricht sich mit genau diesen aktuellen Fragestellungen befasst und auseinandersetzen muss, gehört zu seinen Charakteristika und ist bei seiner Gestaltung zu berücksichtigen.

Der Ethikunterricht ist ein Ort in der Schule, an dem in besonderem Maße die Schülerinnen und Schüler in ihrer Persönlichkeitsbildung unterstützt werden. Durch den Anstoß biographischer Reflexionsprozesse wird ihre Selbstvergewisserung und Nachdenklichkeit gefördert. Mit diesem Prozess und der Vermittlung von praktischem Orientierungswissen ist der Erwerb von Selbst‑, Sach‑, Methoden- und Sozialkompetenz untrennbar verbunden.

Didaktisch-methodische Prämissen des Ethikunterrichts

Der Bildungsplan Ethik orientiert sich an didaktisch-methodischen Prämissen des Unterrichts, die seinem Ziel, der ethisch-moralischen Urteilsbildung in praktischer Absicht, verpflichtet sind:

Ethisch-moralisches Argumentieren: Hierzu gehört insbesondere die Fähigkeit, zentrale Argumente eines problematisierten Sachverhalts in einem Diskurs herauszuarbeiten, zu gewichten, Urteile in ethisch relevanten Situationen zu fällen und gegenüber anderen begründen zu können. Diese Fähigkeit setzt voraus, dass zum Beispiel Offenheit für andere Positionen, Respekt vor dem anderen Argument, kritische Prüfung des eigenen Standpunkts und Lösungsorientierung eingeübt werden.

Problemorientierung: Zentral für die Unterrichtssequenzen ist das Problematische, Fragwürdige und Kontroverse eines Themas in ethisch-moralischer Hinsicht. Die Schülerinnen und Schüler erfassen die zugrundeliegenden Grundsätze und Konflikte, setzen sich mit dem Problem argumentativ auseinander, erarbeiten eine begründete Stellungnahme und wägen mögliche Handlungsoptionen ab.

Induktives Verfahren: Ausgehend vom Vorverständnis und dem Nahhorizont der Schülerinnen und Schüler werden ethische Problemstellungen erarbeitet. Ziel ist es dabei, zu verallgemeinerbaren Aussagen und argumentativ begründeten Stellungnahmen zu kommen.

Orientiert sich der systematische Kompetenzaufbau im Fach Ethik an den vier prozessbezogenen Kompetenzpaaren, dann kann der Erwerb ethischer Kompetenzen insbesondere durch die Reflexion von Lernprozessen und individuellen Lernwegen sowie durch die Arbeit mit fachspezifischen Unterrichtsmethoden erreicht werden.

Zu den Methoden, mit denen alle prozessbezogenen Kompetenzen eingeübt werden können, gehören zum Beispiel Fallanalyse, Gedankenexperiment, Dilemmadiskussion, philosophischer Essay. Die Schülerinnen und Schüler sollen frühzeitig mit diesen Verfahrensweisen vertraut gemacht werden, sodass sie diese zunehmend auf komplexe Sachverhalte und Fragestellungen selbstständig anwenden können. Andere Methoden eignen sich eher zur Einübung einzelner prozessbezogener Kompetenzen, wie zum Beispiel Übungen zur Schulung der Empathie und Perspektivenübernahme unter anderem durch Rollenspiel, Methoden zur analytischen und kreativen Text- und Bilderschließung, Begriffs- und Argumentationsanalyse. Lebensweltbezug kann insbesondere auch durch den Besuch außerschulischer Lernorte hergestellt werden (beispielsweise Weltladen, Bauernhof, Müllverbrennungsanlage, Synagoge, Kirche, Moschee, Friedhof, Gericht, Hospiz, Tierheim, Sozialstation).

Diesen Aspekten des Ethikunterrichts gilt es bei seiner Gestaltung Rechnung zu tragen. Die Horizonterweiterung, die die Schülerinnen und Schüler in der Auseinandersetzung mit ethisch relevanten Fragen und Problemen erfahren, fördert ihr Orientierungswissen für ethisch-moralische Fragen, ihre Fähigkeit der Selbstreflexivität und Mündigkeit. Sie üben systematisch die Fähigkeit zur ethisch-moralischen Urteilsbildung in praktischer Absicht ein.


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