Suchfunktion

1. Leitgedanken zum Kompetenzerwerb

1.1 Bildungswert des Faches Geographie

Im Mittelpunkt geographischer Fragestellungen stehen die raumwirksamen Mensch-Umwelt-Beziehungen im System Erde. Das System Erde kann als dynamisches System aus Teilsystemen wie der Erdoberfläche, dem Klima, der Gesellschaft oder der Wirtschaft begriffen werden. Diese eigenständigen Teilsysteme sind vielfältig untereinander durch Wirkungszusammenhänge verbunden. Daher gilt es, den Blick auf die für Räume charakteristischen Prozesse zu richten und die damit einhergehenden Veränderungen der Erde als Lebensraum des Menschen zu begreifen. Diese Prozesse können schleichend sein wie der Klimawandel oder die Veränderung gesellschaftlicher Werte, aber auch hochdynamisch wie Erdbeben, Vulkanausbrüche oder gesellschaftliche Konflikte. Sie können die Lebensbedingungen in manchen Räumen verbessern, in anderen zugleich verschlechtern. Das Verstehen von geographischen Phänomenen, Strukturen und Prozessen sowie der komplexen wechselseitigen Beeinflussung von Natur und menschlichem Handeln sind elementar für die Zukunftsfähigkeit jeder Gesellschaft.

Im Fokus des Geographieunterrichts steht daher die analytisch forschende sowie zukunfts- und handlungsorientiert wertende Auseinandersetzung mit dem System Erde. Die Schülerinnen und Schüler lernen vielfältige, oft faszinierend schöne und interessante, aber auch widersprüchliche und problematische naturräumliche und kulturelle Phänomene und Prozesse der Erde kennen. Sie erfassen bisherige, aktuelle Entwicklungen und zu erwartende Veränderungen der Erde als Ganzes sowie in ihren Teilräumen. Dabei lernen sie, dass wir Menschen Teil des Systems Erde sind: Wir können dieses durch unsere Lebens‑, Wirtschafts- und Verhaltensweisen entscheidend gestalten, es erhalten, aber auch in seiner Regenerationsfähigkeit gefährden. Der Anthropozän-Ansatz greift diese raumprägende Wirkung menschlichen Handelns auf und erklärt den „Geofaktor Mensch“ zur heute wirkmächtigsten Größe im System Erde. Anhand konkreter Raumbeispiele auf unterschiedlichen Maßstabsebenen erkennen die Schülerinnen und Schüler die Funktionszusammenhänge zwischen menschlichem Handeln und der Regenerations- und Tragfähigkeit von Räumen des Systems Erde. Sie entwickeln raumbezogene Handlungskompetenz und können somit gesellschaftlich und individuell im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung agieren.


Modell des geographischen Lernens

Modell geographischen Lernens (© Landesinstitut für Schulentwicklung)
Modell geographischen Lernens

Zentrales Ziel des Geographieunterrichts ist die Entwicklung raumbezogenen systemischen Denkens und damit einhergehend der Umgang mit Komplexität. Systemische Kompetenz umfasst die Fähigkeit, komplexe Wirklichkeitsbereiche als Systeme zu beschreiben, zu rekonstruieren und zu modellieren und auf der Basis der Modellierung Erklärungen zu geben, Prognosen zu treffen und Handlungsmöglichkeiten zu entwerfen und zu beurteilen. Die Entwicklung raumbezogener systemischer Kompetenz erfolgt, indem die Schülerinnen und Schüler zunächst über phänomenologische, später zunehmend über problemlösungsorientierte Zugänge Besonderheiten und Regelmäßigkeiten der Erdoberfläche, des Wetters und Klimas, wirtschaftlicher Prozesse oder des Agierens gesellschaftlicher Gruppen kennenlernen und hinterfragen. Mit dem Anspruch, räumliche Phänomene und Problemkonstellationen nicht nur zu kennen, sondern zu erklären und am Nachhaltigkeitsprinzip orientierte Lösungswege zu diskutieren, werden interdependente Wirkungszusammenhänge zwischen naturräumlichen und gesellschaftlichen Prozessen erkannt und sukzessive die angestrebten inhalts- und prozessbezogenen geographischen Kompetenzen entwickelt.

Aufbauend auf einem soliden räumlichen Orientierungswissen und Wissen über die zentralen Themen der allgemeinen sowie regionalen Geographie setzen sich die Schülerinnen und Schüler lösungsorientiert mit Ursachen und Folgen der globalen Herausforderungen unserer Zeit auseinander. Naturräumliche Veränderungen wie der Klimawandel, die Degradation von Böden und die Ressourcenverknappung sind dabei ebenso Themen wie das globale Bevölkerungswachstum, die zunehmende Ungleichheit zwischen und innerhalb von Ländern, die Auswirkungen der Globalisierung, des Städtewachstums oder der weltweiten Migrationsprozesse. Damit einhergehend erkennen die Schülerinnen und Schüler anhand konkreter Projekte und Maßnahmen, dass zukünftige Entwicklungen grundsätzlich und weitreichend gestaltbar sind und erlangen Einblick in Planungsprozesse der Stadt- und Raumplanung auf unterschiedlichen Ebenen. In diesem Kontext erkennen sie die Bedeutung des Nachhaltigkeitsprinzips für den Erhalt der Natur, für die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft, für die gesellschaftlichen Bedürfnisse sowie die Entwicklungs- und Lebenschancen zukünftiger Generationen.

Der Bildungswert des Faches Geographie liegt heute folglich darin, dass im Geographieunterricht

  • natur- und gesellschaftswissenschaftliche Phänomene und Prozesse grundsätzlich systemisch analysiert, diskutiert und bewertet werden,
  • Räume auf allen Maßstabsebenen von der lokalen über die regionale bis hin zur globalen Dimension fragengeleitet und
  • grundsätzlich problemlösungs- sowie handlungsorientiert vor allem im Sinne des Nachhaltigkeitsprinzips untersucht werden sowie
  • die zeitliche Perspektive gegenwarts- und zukunftsgestaltend ausgerichtet ist.

Geographieunterricht geht also weit über das Kennenlernen und Begreifen des Systems Erde hinaus, indem er die Schülerinnen und Schüler bis hin zur Reflexion der Gestaltung von Räumen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung führt. In diesem Kontext entwickeln die Schülerinnen und Schüler die Fähigkeit, aktuelle Entwicklungen und Prozesse ausgehend von ihrer eigenen Lebenswirklichkeit auf der lokalen, der regionalen beziehungsweise nationalen und der globalen Ebene zu analysieren, zu bewerten und adäquat zu handeln. Damit leistet der Geographieunterricht für die Gesellschaft einen wichtigen Beitrag zur Bildung in der globalisierten Welt.

Beitrag des Faches zu den Leitperspektiven

Zu den Leitperspektiven leistet das Fach Geographie folgende Beiträge:

  • Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)
    Im Fokus des geographischen Beitrags zur Bildung für nachhaltige Entwicklung im Rahmen der demokratischen Gesellschaft steht die Handlungskompetenz im System Mensch-Erde im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung mit den damit verbundenen Kriterien, Werten, Normen, Mitwirkungs- und Teilhabemöglichkeiten. Dies stellt eines der zentralen Anliegen des Geographieunterrichts dar. Durchgängig werden in allen Klassen die Bedeutung und Gefährdungen einer nachhaltigen Entwicklung ebenso thematisiert wie deren Komplexität und Dynamik.
  • Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt (BTV)
    Durch die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, gesellschaftlicher Vielfalt, werteorientiertem Handeln sowie mit Formen des interkulturellen Dialogs trägt das Fach Geographie zur Bildung von Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt bei.
  • Prävention und Gesundheitsförderung (PG)
    Mit der Problematisierung der räumlichen Auswirkungen landwirtschaftlicher und industrieller Produktionsweisen und der Auseinandersetzung mit den Folgen des Klimawandels liefert der Geographieunterricht einen wichtigen Baustein zur Gesundheitsförderung sowie zur Selbstregulation des Denkens, Fühlens und Handelns der Schülerinnen und Schüler. Dies sind wichtige Voraussetzungen, um sich im eigenen Handeln als selbstwirksam zu erleben.
  • Berufliche Orientierung (BO)
    Betriebserkundungen und die damit verbundenen Informationen über Berufe sowie die Auseinandersetzung mit wirtschaftsgeographischen Sachverhalten sind grundlegende Aspekte des Geographieunterrichts und fördern damit fachspezifische Zugänge zur Arbeits- und Berufswelt.
  • Medienbildung (MB)
    Kritische Medienanalysen, die Reflexion sowie die Kommunikation von Information und Wissen sind zentraler Bestandteil des Geographieunterrichts. Dazu gehören auch die Produktion von Medien zu geographischen Sachverhalten und deren Präsentation. Darüber hinaus werden informationstechnische Grundlagen entwickelt.
  • Verbraucherbildung (VB)
    Der Umgang mit Ressourcen, Bedürfnissen und Wünschen, die Qualität von Konsumgütern, der Alltagskonsum sowie der Einflussfaktor Medien sind häufig wiederkehrende und angemessen beachtete Aspekte geographischer Fragestellungen. In diesem thematischen Kontext entwickeln die Schülerinnen und Schüler ein auf ökonomische, ökologische und soziale Verantwortung zielendes Konsumverhalten.

1.2 Kompetenzen

Geographieunterricht fördert durch die Auseinandersetzung mit vielfältigen Natur- und Kulturräumen die integrierte Entwicklung inhaltsbezogener sowie fachspezifischer und fächerübergreifender prozessbezogener Kompetenzen. Dies wird vor allem durch die Herausbildung raumbezogenen systemischen, komplexen und vorausschauenden Denkens anhand aktueller sowie zukunfts- und lösungsorientierter Fragestellungen gewährleistet.

Prozessbezogene Kompetenzen

Die Entwicklung der geographiespezifischen prozessbezogenen Kompetenzen erfolgt alters- und niveaugemäß als kontinuierlicher Prozess spiralcurricular und grundsätzlich anhand geographischer Fragestellungen. Im Zentrum der angestrebten geographischen Kompetenzentwicklung steht die fragengeleitete Raumanalyse als Voraussetzung lösungsorientierter Handlungskompetenz. Die angestrebte Entwicklung prozessbezogener Kompetenzen reicht daher von der Orientierungs‑, Analyse- und Beurteilungskompetenz bis hin zur Handlungs- und Methodenkompetenz. Erkennen, Bewerten und Handeln werden damit als richtungsweisende Kompetenzentwicklung im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung mit geeigneten methodischen Fähigkeiten herausgebildet.

Die geographische Kompetenzentwicklung ist eng verknüpft mit fachspezifischen sowie fachübergreifenden Methodenkompetenzen. Dazu zählen:

  • die Fähigkeit, geographische Informationsmaterialien fragengeleitet problem‑, sach- und zielgerichtet zu analysieren,
  • der transfer- und erkenntnisorientierte Umgang mit theoretischen Modellen,
  • die problemlösungsorientierte Gestaltung sowie die Analyse von Versuchen und Experimenten als Teil der wissenschaftspropädeutischen empirischen Erkenntnisgewinnung,
  • die Fähigkeit, physisch- und humangeographische Untersuchungsmethoden anzuwenden und die gewonnenen Erkenntnisse angemessen darzustellen,
  • die Kompetenz, geographische Informationen grafisch zu gestalten sowie
  • die Fähigkeit, geographische Sachverhalte mithilfe geeigneter Medien darzustellen.

Die Schülerinnen und Schüler lernen, sich raum-zeitlich auf lokaler, regionaler und globaler Ebene zu orientieren, indem sie sowohl fachspezifisch die Handhabung von Instrumenten zur geographischen Orientierung erlernen als auch geographische Sachverhalte in topographische Raster einordnen können. Sie erweitern die zunächst primär topographisch ausgerichtete räumliche Orientierungskompetenz sukzessive hin zu einer systemischen Orientierungskompetenz.

Die individuelle Entwicklung der Analysekompetenz befähigt die Schülerinnen und Schüler, Räume in ihren natur- und humangeographischen Strukturen systemisch zu erfassen, sie zu vergleichen und zukünftige Entwicklungen auf unterschiedlichen Maßstabsebenen zu erkennen.

Zudem ermöglicht die individuelle Entwicklung der Urteilskompetenz den Schülerinnen und Schülern, raumbezogene Strukturen und Prozesse in ihren natur- und humangeographischen Wechselwirkungen zu bewerten und zukunftsfähige Lösungsansätze zu erörtern.

Schließlich sind die Schülerinnen und Schüler in der Lage, durch die individuelle Verbesserung ihrer Handlungskompetenz auf der Grundlage geographischer Fachkompetenz zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung zu handeln.

Der Geographieunterricht fördert durch den Einsatz vielfältiger Methoden des kollektiven und selbstorganisierten Lernens sowie durch fächerübergreifenden, themen- und projektorientierten Unterricht die soziale und personale Kompetenzentwicklung.

Auf dieser Basis entwickeln die Schülerinnen und Schüler Empathie sowie Interesse an Verständigung und Problemlösung ebenso wie an Partizipations- und Gestaltungsmöglichkeiten. Sie sind in der Lage, Perspektiven zu wechseln, andere Standpunkte und Raumkonstrukte zu verstehen und zu prüfen. Sie sind bereit, Entscheidungen und Handlungsoptionen unter den Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit, der Zukunftssicherung und der Friedenssicherung zu betrachten. Dazu zeigen sie Bereitschaft zu Partizipation, Solidarität, Toleranz und Respekt gegenüber anderen kulturellen Hintergründen und Interesse an interkulturellem Lernen als zentrale Elemente demokratischen Handelns. Zudem sind sie bereit, Verantwortung zu übernehmen und kooperativ in heterogenen Gruppen zusammenzuarbeiten. Ihr Interesse und ihre Kreativität, aber auch ihre kritische Offenheit gegenüber neuen geographischen, auch technikgestützten Medien und Methoden ist ebenso ausgeprägt wie ihre Bereitschaft, diese weiter zu entwickeln.

Inhaltsbezogene Kompetenzen

Im Geographieunterricht entwickeln die Schülerinnen und Schüler grundlegende räumliche Orientierungskompetenz und die geographisch-fachlichen Kompetenzen, um anhand ausgewählter Räume

  • eine Vorstellung von der Welt zu erlangen,
  • komplexe Raumstrukturen zu erfassen,
  • aktuelle und zukünftige Entwicklungen zu erkennen und zu bewerten und im Sinne nachhaltiger Entwicklung an diesen Prozessen aktiv teilzuhaben.

Dies setzt voraus, dass sie sich durch die intensive Auseinandersetzung mit den Teilsystemen Erdoberfläche, Atmosphäre, Gesellschaft und Wirtschaft die erforderlichen fachlichen Grundlagen erarbeiten. Die den inhaltsbezogenen Kompetenzen zugeordneten Arbeitsbegriffe gehen dabei in den aktiven Wortschatz der Schülerinnen und Schüler über. Ausgehend von diesen Voraussetzungen können die Schülerinnen und Schüler die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen naturräumlich-physischen und gesellschaftlichen räumlichen Prozessen und Strukturen  mithilfe der Methode „fragengeleitete Raumanalyse“ verstehen, bewerten und als verantwortungsvolle, mündige Bürger mitgestalten.

Teilsystem Erdoberfläche:
Im Zuge der Auseinandersetzung mit endogenen und exogenen Prozessen auf unterschiedlichen Maßstabsebenen erkennen die Schülerinnen und Schüler nicht nur, welche naturräumlichen Prozesse die Erdoberfläche formen, sondern auch, welche Auswirkungen diese aktuell weltweit auf den Naturraum sowie auf Gesellschaft und Wirtschaft haben und welche zukünftig zu erwarten sind.

Teilsystem Wetter und Klima:
Das Verständnis lokaler Wetter- und globaler Klimaphänomene sowie grundlegender Prozesse in der Atmosphäre befähigt die Schülerinnen und Schüler, die Klima- und Vegetationszonen in Europa sowie weltweit in einem systemischen Zusammenhang zu begreifen, Phänomene des Klimawandels räumlich wie zeitlich einordnen und verstehen sowie Gegen- und Anpassungsmaßnahmen bewerten zu können.

Teilsystem Gesellschaft:
Mit dem Wissen um die Merkmale und Funktionen von Städten, die Ursachen und Folgen ihres weltweit zu beobachtenden Wachstums sowie die damit einhergehenden sozialen und räumlichen Disparitäten entwickeln die Schülerinnen und Schüler problemlösungsorientiert Erkenntnisse hinsichtlich der Stadt als dominantem Lebensraum der Gegenwart und Zukunft und erfassen die Bedeutung nachhaltiger Stadtentwicklung ebenso wie die der Entwicklung des ländlichen Raums. Darüber hinaus gewinnen die Schülerinnen und Schüler Einblicke in die kulturelle und soziale Vielfalt von Gesellschaften auf der Erde mit ihren spezifischen räumlichen Herausforderungen und Lösungskonzepten.

Teilsystem Wirtschaft:
Schließlich entwickeln die Schülerinnen und Schüler anhand von Fallbeispielen auf unterschiedlichen Maßstabsebenen ein grundlegendes Verständnis bezüglich der vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Raum und nachhaltigem beziehungsweise nicht nachhaltigem wirtschaftlichen Handeln. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Analyse wirtschaftlichen Handelns für eine nachhaltige Raumentwicklung.

Natur- und Kulturräume:
Aufbauend auf diesen fachlichen Kompetenzen entwickeln die Schülerinnen und Schüler die geographische Kompetenz, Räume mithilfe fragengeleiteter Raumanalysen systemisch zu erfassen. Dies befähigt sie, mit komplexen Sachverhalten umzugehen, aktuelle und künftige Entwicklungen zu erkennen und zu bewerten. Ihr damit einhergehendes zunehmendes Welt- und interkulturelles Verständnis sowie ihr vertieftes Wissen über die Interdependenzen zwischen naturräumlichen Prozessen und individuellem wie gesellschaftlichem Handeln schaffen die Voraussetzungen für die Ausbildung ihrer am Nachhaltigkeitsprinzip ausgerichteten Handlungskompetenz.

1.3 Didaktische Hinweise

Der Entwicklung systemischer Kompetenz und dem Umgang mit Komplexität kommt im Geographieunterricht eine zentrale Rolle zu. Phänomenologische Zugänge und Betrachtungsweisen erleichtern insbesondere in der Unter- und Mittelstufe eine altersgerechte Hinführung zu systemischem Denken.

Die Schülerinnen und Schüler lernen Phänomene, Prozesse und Strukturen raum-zeitlich zu verorten, in zunehmend komplexen Zusammenhängen zu erfassen, weiterführende Fragen zu stellen, diese zu bearbeiten und den erkannten Sachverhalt zu bewerten. Auf dieser Basis setzen sie sich mit Fragen nach den künftig zu erwartenden oder intendierten Entwicklungen des thematisierten geographischen Sachverhaltes auseinander.
Entdeckendes Lernen als wichtiges Element eigenständigen Lernens motiviert die Schülerinnen und Schüler in besonderem Maß, sich mit aktuellen Fragen der lokalen, regionalen und globalen Veränderung des Naturraums sowie der gesellschaftlichen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Besonders geeignet dafür sind Erkundungen und Exkursionen an außerschulischen Lernorten, Versuche, Begegnung mit originalen Gegenständen, Befragungen und Kartierungen und vieles anderes mehr.

Aufbauend auf diesen Zugängen lernen die Schülerinnen und Schüler mit zunehmendem Alter analytische und systemisch-modellhafte Verfahren kennen, die ihr Verständnis des Systems Erde erweitern und sie zu abstrakten Betrachtungs- und Erkenntnisweisen befähigen. Die alters- sowie geschlechtsspezifisch vorherrschenden Interessen der Schülerinnen und Schüler werden bei der Auswahl der Themen und Räume berücksichtigt, ohne die Zielsetzung, eine fachsystematisch begründete, schrittweise zu entwickelnde Weltkenntnis, aus den Augen zu verlieren. Dabei entwickeln die Schülerinnen und Schüler zunehmende Sicherheit im Umgang mit der geographischen Fachsprache, die es ihnen ermöglicht, die komplexen Zusammenhänge angemessen darzustellen. Die Anwendung des exemplarischen Prinzips in Verbindung mit der Fortentwicklung der Orientierungskompetenz ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern, anhand von Raum- und Fallbeispielen charakteristische Merkmale und zentrale Strukturen in der Vielfalt geographischer Sachverhalte zu erkennen und in übergeordnete Raum- und Sachstrukturen einzuordnen. Der induktive Zugang zu kleinräumigen Fallbeispielen wird im Lauf der Zeit zu zunehmend deduktiven globalen Perspektiven fortentwickelt.

In der gymnasialen Oberstufe sind die Schülerinnen und Schüler in der Lage, auf Grund ihrer erworbenen fachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten existenziell bedeutsame Probleme zu identifizieren und sachgerecht anzugehen, eine den Problemstellungen angemessene Methoden- und Medienauswahl zu treffen und an der Entwicklung innovativer und zukunftsfähiger Lösungsansätze und ‑strategien mitzuarbeiten.

Aufbauend auf den inhalts- wie prozessbezogenen Kompetenzen aus der Sekundarstufe I wird die geographische Kompetenzentwicklung in der gymnasialen Oberstufe fortgeführt. Dabei steht – im zwei- wie im vierstündigen Kurs – insbesondere die Fortentwicklung der bereits angelegten systemischen Kompetenz anhand fragengeleiteter Raumanalysen im Kontext globaler Herausforderungen im Fokus. Schülerinnen und Schüler können zunehmend eigenständig und selbstorganisiert

  • komplexe Wirklichkeitsbereiche als Systeme beschreiben, rekonstruieren und modellieren,
  • komplexe globale Prozesse erklären,
  • Prognosen hinsichtlich der zu erwartenden Entwicklung formulieren,
  • Nachhaltigkeits- und lösungsorientierte Handlungsmöglichkeiten entwerfen sowie vorliegende Optionen beurteilen.

Zunehmend entwickelt sich ihre Arbeits- und Herangehensweise hin zu wissenschaftspropädeutischen Ansätzen, so dass das Ziel gymnasialer Bildung, die Studierfähigkeit, erreicht wird. Die Thematisierung hochkomplexer, synoptischer Verfahren, etwa im Kontext der nachhaltigen Stadt- und Raumplanung unterstützen dies ebenso wie die auf selbstorganisiertes Lernen hin ausgerichtete Aufgabenkultur, die Wahl der Lernmethoden und der Präsentationsmöglichkeiten.

Die notwendige Bandbreite der Arbeitsweisen und Arbeitstechniken verdeutlichen folgende Anforderungen:

  • grundlegende Fertigkeiten in der Anwendung und Interpretation von Karten und der Nutzung anderer Hilfsmittel, um sich räumlich orientieren zu können (auch GPS);
  • Fähigkeiten und Fertigkeiten zur reflektierten Nutzung verbaler, bildhafter, quantitativer und symbolischer Informationsquellen, um Rauminformationen gewinnen, verarbeiten, dokumentieren, präsentieren und bewerten zu können;
  • Fertigkeiten im reflektierten Umgang mit modernen Informations- und Kommunikationstechniken (Internet, Geographische Informationssysteme), um geographisch relevante Informationen zielgerichtet und themenbezogen gewinnen, verarbeiten, dokumentieren, präsentieren und beurteilen zu können;
  • Fähigkeiten zum Kommunizieren und Artikulieren von Meinungen, um geographische Themen- und Problemfelder ansprechen, vermitteln und bewerten zu können;
  • Fertigkeiten zum Einsatz experimenteller Arbeitsweisen und Verfahren, um Vorgänge und Situationen analysieren und simulieren zu können;
  • Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Gewinnung von Erkenntnissen durch synoptische Verfahren;
  • Fähigkeiten zum Einbringen von Medien und Methoden beim interdisziplinären Arbeiten, um Situationen aus geographischer Sicht mehrperspektivisch wahrnehmen und differenzierte Lösungsansätze finden zu können.

In der Realisierung dieser geographischen Kompetenzen entwickeln die Schülerinnen und Schüler durch konsequente Aktivierung zunehmend Eigenständigkeit, Kreativität, Handlungskompetenz sowie Teamfähigkeit und damit die eigene Persönlichkeit.

Der Einsatz geeigneter Methoden zur Stärkung eigenständigen und selbstorganisierten Lernens prägt die geographische Unterrichtskultur ebenso wie die Orientierung an spezifischen Unterrichtsprinzipien und Haltungen. Zu diesen zählen neben der Handlungsbereitschaft und Selbstständigkeit vor allem Anschaulichkeit und Aktualität, Realitätsbezug und Weltoffenheit, Problemlösungs- und Zukunftsorientierung sowie das Prinzip der Nachhaltigkeit.

Das raumbezogene und systemische Verständnis aktueller und zukünftiger Entwicklungen am Beispiel ausgewählter Räume sowie die Entwicklung der individuellen Gestaltungskompetenz wird unterstützt durch vielfältige fachspezifische sowie überfachlich anwendbare Arbeitsweisen und Lernmethoden. Im Zusammenspiel mit den fachlichen Kompetenzen tragen diese ganz wesentlich zur Entwicklung der Systemkompetenz, zum Umgang mit Komplexität, zum vorausschauenden und kritischen Denken sowie dem interkulturellen Verständnis, aber auch zur Fähigkeit zum Perspektivenwechsel sowie zur Empathie bei. Damit leistet der Geographieunterricht einen zentralen Beitrag zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in unserer Gesellschaft.


Fußleiste