Anlage 1 PflAPrV
Diese curriculare Einheit bezieht sich schwerpunktmäßig auf die pflegerische Versorgung von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen sowie deren Bezugspersonen. Im besonderen Fokus stehen:
- die Entwicklungsförderung von Kindern und Jugendlichen,
- die Orientierung über das Handlungsfeld der Pflege von Kindern und Jugendlichen,
- die Vor- und Nachbereitung des Pflichteinsatzes in der Pädiatrischen Versorgung,
- soziale, kulturelle und räumliche Besonderheiten, die die (pflegerischen) Gestaltungsspielräume mitbestimmen,
- die Gestaltung einer situationsorientierten Unterstützung durch die professionelle Pflege unter Wahrung und Förderung der Selbstständigkeit und der Selbstbestimmung,
- die Förderung der Elternkompetenz durch Informationen, Beratung und Schulung,
- die Gestaltung der pflegerischen Beziehung mit den Eltern, die oftmals spezifische pflegerische Aufgaben bei ihren Säuglingen, Kindern und Jugendlichen übernehmen,
- die Gestaltung notwendiger Aushandlungsprozesse und Rollenzuweisungen,
- die Berücksichtigung der individuellen Lebensgewohnheiten im Umgang mit gesundheits- und entwicklungsbedingten Pflegebedarfen,
- die Pflege von kranken Säuglingen, Kindern und Jugendlichen in familiären Übergangssituationen, die z. T. mit erheblichen Veränderungen in den Lebensentwürfen und den sozialen Systemen verbunden sind, Diese Übergangssituationen können auch darauf ausgerichtet sein, die Chronifizierung eines Krankheitsverlaufs anzunehmen und zu akzeptieren.
1./2. Ausbildungsdrittel
Die Auszubildenden
- entwickeln eine begründete und reflektierte Position zum Schutz von Kindheit und Jugend entsprechend der „Konventionen über die Rechte des Kindes“.
- setzen sich mit dem Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Bedingungen sowie den Kontextbedingungen in der pädiatrischen Versorgung und den Anforderungen der Kinderrechtskonvention auseinander.
Die Auszubildenden
- schätzen häufig vorkommende Pflegeanlässe und Pflegebedarfe in unterschiedlichen Lebens- und Entwicklungsphasen in akuten und dauerhaften Pflegesituationen ein (I.1.d).
- schlagen Pflegeziele vor, setzen gesicherte Pflegemaßnahmen ein und evaluieren gemeinsam die Wirksamkeit von Pflege (I.1.e).
- erheben soziale und biografische Informationen der zu Pflegenden sowie des familiären Umfeldes und identifizieren Ressourcen in der Lebens- und Entwicklungsgestaltung (I.5.a).
- verfügen über grundlegendes Wissen zu familiären Systemen und sozialen Netzwerken und schätzen deren Bedeutung für eine gelingende Zusammenarbeit mit professionellen Pflegesystemen ein (I.6.d).
- stimmen die Interaktion sowie die Gestaltung des Pflegeprozesses auf den individuellen Entwicklungsstand der zu pflegenden Menschen ab und unterstützen entwicklungsbedingte Formen der Krankheitsbewältigung (I.6.e.).
- erkennen eigene Emotionen sowie Deutungs- und Handlungsmuster in der Interaktion (II.1.a).
- bauen kurz- und langfristige Beziehungen zu den Bezugspersonen auf und beachten dabei die Grundprinzipien von Empathie, Wertschätzung Achtsamkeit und Kongruenz (II.1.b).
- informieren zu pflegende Menschen zu gesundheits- und pflegebezogenen Fragestellungen und leiten bei der Selbstpflege insbesondere Bezugspersonen und freiwillig Engagierte bei der Fremdpflege an (II.2.a).
- fordern kollegiale Beratung ein und nehmen sie an (III.1.b).
- beachten die Anforderungen der Hygiene und wenden Grundregeln der Infektionsprävention in den unterschiedlichen pflegerischen Versorgungsbereichen an (III.2.a).
- verstehen und anerkennen die Bedeutung einer wissensbasierten Pflege und die Notwendigkeit, die Wissensgrundlagen des eigenen Handels kontinuierlich zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern (V.1.a).
- orientieren ihr Handeln an qualitätssichernden Instrumenten, insbesondere an evidenzbasierten Leitlinien und Standards (IV.1.b).
- begründen und reflektieren das Pflegehandeln kontinuierlich auf der Basis von ausgewählten zentralen pflege- und bezugswissenschaftlichen Theorien, Konzepten und Modellen und evidenzbasierter Studien (V.1.c).
Handlungsanlässe
1./2. Ausbildungsdrittel
- Pflegebedarfe im Wochenbett und in der Neugeborenenperiode
- unzureichender Schwangerschafts-, Geburts- und Wochenbettverlauf
- reduziertes Geburtsgewicht und Unreifezeichen (fehlende Reifezeichen) beim Neugeborenen
- Wärmeverlust, Vitalitätsschwankungen, Atemstörungen, Probleme bei der Nahrungsaufnahme und bei der Ausscheidung
- fehlender Saugreflex und Schluckstörungen beim Säugling
- unterbrochenes Stillen
- Infektionsgefahr
- das fiebernde Kind
- Gefahr einer neonatalen Gelbsucht
- frühkindliche Regulationsstörung
- Gefahr einer Entwicklungsverzögerung
- Pflegebedarfe bezogen auf die Familiensituation und beeinträchtigte Elternkompetenzen,
- Gefahr einer beeinträchtigten Eltern-Kind-Bindung, soziale Interaktion
- Pflegebedarfe in späteren Lebensphasen
- großflächige Hautschädigungen, Kratzspuren, Krustenbildung und Hautblutungen
- Juckreiz und Hautläsionen
- Schlafstörungen durch Juckreiz
- Infektionsgefahr der Hautläsionen
- Gefahr einer Hyperthermie, Wärmestauungen und Unruhe
- Schmerzen, beeinträchtigtes Wohlbefinden
- Gefahr einer kognitiven und sozialen Entwicklungsverzögerung, Veränderungen im Entwicklungsverlauf, soziale Isolation
Pflegebedarfe bezogen auf die Familiensituation und Elternkompetenzen
- beeinträchtigte Elternkompetenzen
- Rollenüberlastung der pflegenden Bezugspersonen
- elterliche Rollenkonflikte
- gefährdetes familiäres Coping
- Gefahr von Machtlosigkeit
Kontextbedingungen
1./2. Ausbildungsdrittel
Mesoebene
- stationäre und ambulante Einrichtungen zur pflegerischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen, wie pädiatrische Einrichtungen, z. B. Kinderkliniken oder Kinderfachabteilungen
- ambulante und stationäre Versorgung gesunder Neugeborener und Wöchnerinnen
- Einrichtungen der Entwicklungs- und Gesundheitsförderung entsprechend der jeweiligen landesspezifischen Vorgaben:
- kommunale Einrichtungen, z. B. Jugend- und Sozialämter
- Beratungsstellen für Eltern, deren Kinder einen besonderen Beratungsbedarf aufweisen
- niederschwellige Angebote zur Unterstützung von Familien und Kindern, z. B. im Rahmen von frühen Hilfen, Schulgesundheitspflege, Familiengesundheitspflege
- Schulen
- Kinderarztpraxen
- Sozialpädiatrische Beratungszentren (SPZ)
- gesundheitsfördernde Projekte für Kinder- und Jugendliche
- Settings der Kinder-, Jugend- und Familienförderung, wie Kindertagesstätten, Horts, Elternberatungsstellen und Jugendtreffs
- kommunale Einrichtungen, z. B. Jugend- und Sozialämter
Makroebene
- Gesetze, Leitlinien und Chartas, z. B.
- die UN
- Kinderrechtskonvention
- die EACH- Charta
- die Kinderrechte und Schutzgesetze
- das Sorgerecht
- die Selbstbestimmungsrechte von Kindern und Jugendlichen
- die UN
Ausgewählte Akteure
- Eltern, Bezugspersonen, Familien
- Neugeborene/Frühgeborene und Säuglinge, Kinder, Jugendliche sowie junge Erwachsene
- Auszubildende, Pflegefachfrauen und -männer, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerinnen und Kinderkrankenpflegern, Angehörige anderer Berufsgruppen, z. B. Kinderärztinnen und -ärzte, Hebammen, Ergo- und Physiotherapeutinnen und -therapeuten, Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, Erzieherinnen und Erzieher, Psychologinnen und Psychologen, Still- und Laktationsberaterinnen und -berater, Ernährungsberaterinnen und Ernährungsberater, Familien- und Gesundheitspflegerinnen und -pfleger, Pädagoginnen und Pädagogen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter
Erleben/Deuten/Verarbeiten
Auszubildende
- Erleben einer Geburt/einer Frühgeburt
- Freude über vollzogene Entwicklungsschritte eines Kindes
- Wahrnehmung von kindlicher Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit
- Rollenunsicherheit gegenüber Jugendlichen und Eltern
- Ambivalenz zwischen divergierenden Bedürfnislagen und Anforderungen in Pflegesituationen mit Kindern, Jugendlichen und ihren Bezugspersonen sowie im interdisziplinären Team
- Diskrepanz von unterschiedlichen kindlichen und familiären Lebenswelten, eigener familiärer Sozialisation und biografischen Erfahrungen
- Diskrepanz zwischen elterlicher Fürsorge, Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen und eigenen Vorstellungen und Positionen
- RL/REK im 3. Ausbildungsdrittel: Möglichkeiten und Grenzen medizinischer Machbarkeit; Diskrepanz von unterschiedlichen ethischen Grundüberzeugungen
Kinder und Jugendliche sowie deren Bezugspersonen/Familien
- Freude und Zuversicht
- Wahrnehmung von Stärke und elterlicher Kompetenz
- elterlicher Stolz
- Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit
- Erleben von Rollenunsicherheit
- Erleben von Angst, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Enttäuschung und Trauer
- Abschied von Lebens- und Familienplänen
- RL/REK im 1./2. Ausbildungsdrittel: Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit am Beginn des Lebens: Halt durch Religion
Handlungsmuster
1./2. Ausbildungsdrittel
Pflegerische Unterstützung im Säuglingsalter (auch bei zu früh geborenen Kindern)
- Erhebung entwicklungsbedingter, allgemeiner und gesundheitsbedingter Selbstpflegeerfordernisse bzw. Pflegebedarfe
- Erhebung des Unterstützungs- und Informationsbedarfs von Wöchnerinnen, z. B. Eltern werden (Gloger/Tipelt)
- Mitwirkung bei der Erstversorgung eines Neu-/Frühgeborenen im Kreißsaal
- Temperaturmanagement, Sicherung der Atemwege beim Neugeborenen, APGAR
- Beobachtung und Einschätzung von Atmung, auch durch Messung der Sauerstoffsättigung, Beobachtung der Hautfarbe, Lippen und Fingernägel
- Beobachtung des Interaktionsverhalten zwischen Neu-/Frühgeborenen und deren Bezugspersonen, z. B. Bonding/Attachement
- Beobachtung und Einschätzung von (intuitiven) Elternkompetenzen
- pflegerische Unterstützung und Begleitung von kindlichen und mütterlichen Anpassungsprozessen (physiologisches Wochenbett)
- Einschätzung von Reifezeichen
- Ernährung und Gewichtsentwicklung
- Beobachtung und Einschätzung der Vitalität des Neu-/Frühgeborenen
- Pflege des Neugeborenen/Frühgeborenen und der Wöchnerin
- Stärkung des Saug- und Schluckreflexes
- Stillanleitung und -förderung
- Mitwirkung bei präventiven Maßnahmen in der Neugeborenenperiode (bei stabilen Frühgeburten)
- Umsetzung von entwicklungsfördernden Pflegekonzepten (z. B. Kinästhetik, EFIB)
- Gestaltung einer entwicklungsfördernden Umgebung
- Informationen zur Gesundheitsförderung und Prävention (auch SIDS) situationsorientiert und adressatengerecht weitergeben
- Infektionsprophylaxe, Impfempfehlungen der STIKO
- Förderung von Eltern und Bezugspersonen in der Interaktionsgestaltung mit einem Neugeborenen/einem moderat zu früh geborenen Kind
- Zusammenarbeit im geburtshilflichen Team und Abgrenzung der jeweiligen Verantwortungs- und Aufgabenbereiche
- Beobachtung des Entwicklungsstandes von Kindern und Jugendlichen (motorische, soziale, emotionale, sprachliche und kognitive Entwicklung) und Erkennen von Entwicklungs- und Gesundheitsrisiken unter Nutzung von Entwicklungsskalen
- Erhebung sozialer und familiärer Informationen und Kontextbedingungen von Kindern und Jugendlichen
- Erhebung einer Familienanamnese unter Berücksichtigung familiärer Schutz- und Widerstandsfaktoren [D]
- Pflegerische Unterstützung in späteren Altersphasen
- Erhebung und Einschätzung des Hautzustandes, frühzeitige Erkennung und Prävention von Superinfektionen
- frühzeitiges Erkennen von Belastungsfaktoren, Maßnahmen zur Reduktion von Juckreiz und Hautschädigungen und Förderung einer intakten Haut
- Durchführung diagnostischer, therapeutischer und rehabilitativer Maßnahmen
- entwicklungsorientierte Vorbereitung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen bei invasiven Maßnahmen unter Berücksichtigung der emotionalen und kognitiven Entwicklung
- Förderung von Selbstpflege- und Dependenzpflegekompetenz
- Förderung sozialer Integration
- Beziehungsgestaltung unter Berücksichtigung der umfassenden Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der Akut- und Langzeitpflege
- Gestaltung entwicklungsorientierter Kommunikation
- Gewährleistung von physischem und psychischem Schutz und von Sicherheit
- Überblick über Vererbung und Fortpflanzung
- Überblick über embryonale, fetale, kindliche und jugendliche (motorische, soziale, emotionale, sprachliche und kognitive) Entwicklung und Entwicklungsaufgaben
- Überblick über häufig vorkommende Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen
- Überblick über die anatomischen/physiologischen Besonderheiten von Neu- und Frühgeborenen
- vertieftes Wissen zur Hygiene
- Überblick über die Besonderheiten der Anatomie und Physiologie der Atmungsorgane im Säuglings- und Kleinkindalter
- Überblick über die Abwehrfunktionen des Blutes und allergische Reaktionen im Kindesalter
- Überblick über die Anatomie und Physiologie des endokrinen Systems
- Überblick über Therapeutika bei Neurodermitis und Atemwegserkrankungen
- Überblick über die Psychologie und Soziologie des Kindes und Jugendlichen unter Beachtung der Adoleszenz
- Veränderungen im Hormon- und Neurotransmitterhaushalt und der Emotionsverarbeitung im Gehirn in der Pubertät
- Grundlagen der Familiengesundheitspflege
- ethische Grundlagen, Selbstbestimmung und elterliche Fürsorge
- spezifische ethische Entscheidungsmodelle
Zum Beispiel:
- Simulation eines Aushandlungsprozesses zwischen der professionellen Pflege und den Eltern einer Frühgeburt
- Simulation von pflegerischen Gesprächen zur Information und Schulung von Kindern, Jugendlichen und ihren Bezugspersonen mit unterschiedlichen kognitiven, emotionalen sozialen und kulturellen Voraussetzungen
- Simulation einer Schulung und/oder Beratung (Beratung durch Information) von Kindern und Jugendlichen und/oder ihren sozialen Bezugspersonen, für unterschiedliche Handlungsanlässe, mit unterschiedlichen kognitiven und sozialen Voraussetzungen
Zum Beispiel: 1./2. Ausbildungsdrittel
- sich mit ausgewählten und spezifischen, auf Frühgeborene und das Kindesalter ausgerichteten Assessmentinstrumenten auseinandersetzen
- die Merkmale einer verständigungsorientierten Kommunikation mit Schulkindern zur Vorbereitung einer schmerzhaften Intervention erarbeiten
- Merkmale von Rollenaushandlungsgesprächen im Rahmen des Pflegeprozesses in einer Lerngruppe zusammenstellen
- Interviews mit Eltern zum Erleben von Krankheit und Krankenhausaufenthalt durchführen
Folgende Lernsituationen können hier exemplarisch bearbeitet werden:
1./2. Ausbildungsdrittel
- Lernsituationen nach der Geburt eines gesunden Neugeborenen, in denen ein erhöhter Informations- und Unterstützungsbedarf der Bezugspersonen besteht und in denen präventive Maßnahmen und Maßnahmen zur Entwicklungsförderung erforderlich sein können
- Lernsituationen, in denen eine Entwicklungsverzögerung vorliegt und das Kind eine Fördereinrichtung besucht
- Lernsituation eines moderat zu frühgeborenen Kindes mit Trinkschwäche und besonderen Anforderungen an die Ernährung
- Lernsituation eines moderat zu frühgeborenen Kindes mit typischen Anpassungsproblemen bzw. einer therapiebedürftigen Gelbsucht
- Lernsituationen, in denen die spezifischen Aufgaben der Bezugspersonen in der Pflege des Kindes verständigungsorientiert miteinander ausgehandelt werden müssen
- Lernsituationen, in denen Informationen oder Beratung von Eltern zur Hautpflege, bzw. Umgang mit Juckreiz eines Kindes mit Neurodermitis erforderlich sind