1.1 Bildungswert der modernen Fremdsprachen
In einer modernen und globalisierten Welt, die von Mehrsprachigkeit und kultureller Vielfalt geprägt ist, stellen Fremdsprachenkenntnisse und interkulturelle Handlungsfähigkeit eine wichtige Grundlage für die gesellschaftliche Teilhabe dar. Sie befähigen Lernende, sich in interkulturellen Kontexten angemessen zu bewegen und als kulturelle Mittlerinnen und Mittler zu agieren. Indem Schülerinnen und Schüler ihre plurilinguale Sprachbiografie (zum Beispiel Herkunftssprache(n), bereits erlernte Sprache(n), Dialekte, Register) reflektieren und sich mit sprachlicher und kultureller Vielfalt auseinandersetzen, erwerben sie interkulturelle Handlungskompetenz. Diese versetzt sie in die Lage, mit Individuen und Gruppen unterschiedlicher Kulturen angemessen und respektvoll zu interagieren. Die Begegnung mit einer anderen Sprache konfrontiert die Lernenden mit einer neuen, ihnen zunächst ungewohnten sprachlichen Ordnung der Welt. Durch eine reflektierte Auseinandersetzung mit Weltsichten, Werten und Identitäten im Fremdsprachenunterricht lernen Schülerinnen und Schüler diese neue Ordnung als weitere mögliche Interpretation von Welt kennen und respektieren. Damit unterstützt der Fremdsprachenunterricht in besonderem Maße die Entwicklung von Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt sowie von demokratischen Haltungen und trägt zu einem friedlichen Zusammenleben in der Welt bei. In einer international geprägten Wirtschafts-, Arbeits- und Lebenswelt stellen Fremdsprachenkenntnisse außerdem eine wichtige Voraussetzung dar, um angemessen global zu agieren.
Ziel eines modernen Fremdsprachenunterrichts ist es deshalb, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, sich in der Fremdsprache sicher zu bewegen und sich dabei zunehmend flüssig und differenziert auszudrücken. Fremdsprachen zu lernen heißt, in neue Welten einzutauchen und diese immer besser zu verstehen. Sie ermöglichen es den Lernenden, sich bislang unbekannter Denkmuster und Handlungsweisen bewusst zu werden (cultural awareness) und diese mit den eigenen zu vergleichen. Die Schülerinnen und Schüler können so deren kulturelle und gegebenenfalls auch historische Bedingtheit verstehen, Verständnis und Respekt für unterschiedlich kulturell geprägte Perspektiven entwickeln und Missverständnisse vermeiden.
Soziokulturelles Wissen im Zusammenspiel mit interkultureller und funktionaler kommunikativer Kompetenz versetzt die Schülerinnen und Schüler in die Lage, künftig Auslandsaufenthalte und internationale Begegnungen im Rahmen von Ausbildung, Studium und Beruf sowie im Privatleben gezielt und informiert in die Wege zu leiten und erfolgreich zu bewältigen.
Der Vergleich sprachlicher Strukturmuster fördert das Verständnis von Sprache als System. Darüber hinaus unterstützt der Fremdsprachenunterricht die Fähigkeit, auf der Basis von Erlerntem Neues zu erschließen. Somit fördert er das Erlernen weiterer Fremdsprachen im Sinne der Erweiterung der plurilingualen Kompetenz und des lebenslangen Fremdsprachenlernens. Nachdenken über Sprache schult die Fähigkeit, Handlungsweisen, komplexere Sachverhalte, theoretische Erkenntnisse, Denkmuster und Wertvorstellungen zu durchdringen und in einen interkulturellen Zusammenhang zu stellen.
1.2 Kompetenzen
In den vorliegenden Bildungsplänen für die modernen Fremdsprachen ist die Ausbildung der interkulturellen kommunikativen Kompetenz das übergeordnete Ziel des Fremdsprachenlernens. Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER, 2001) und sein Begleitband (2020) sehen in dieser interkulturellen Handlungsfähigkeit in unterschiedlichen Sprachen den Kern ihres Mehrsprachigkeitskonzepts. Der GER definiert für alle Sprachen gültige Kriterien und Niveaus, nach denen die Sprachbeherrschung von Lernenden eingestuft werden kann. Der Kompetenzaufbau über die verschiedenen Klassen richtet sich in den vorliegenden Bildungsplänen für die modernen Fremdsprachen daran aus. Die in den Bildungsplänen beschriebenen Kompetenzen orientieren sich an den „Bildungsstandards für die fortgeführte Fremdsprache (Englisch/Französisch) für die Allgemeine Hochschulreife“ der Kultusministerkonferenz (KMK, 2012) und bilden die „Bildungsstandards für die erste Fremdsprache (Englisch/Französisch) für den Ersten Schulabschluss und den Mittleren Schulabschluss“ (KMK, 2023) ab, die zu einer Vereinheitlichung der Anforderungen über die Bundesländergrenzen hinweg führen sollen.
Das Schaubild verdeutlicht, dass die Kompetenzen, wie sie nacheinander in den vorliegenden Bildungsplänen aufgeführt sind, keine isoliert zu beherrschenden Einzelfertigkeiten sind, sondern vielmehr ineinandergreifen. Sowohl die prozessbezogenen Kompetenzen als auch die inhaltsbezogenen Kompetenzen stehen im Dienst der interkulturellen kommunikativen Kompetenz.
Als prozessbezogene Kompetenzen werden Sprachbewusstheit, Sprachlernkompetenz und die fremdsprachenspezifische digitale Kompetenz ausgewiesen: Zum einen unterstützt die Fähigkeit, eine Sprache – auch die Herkunftssprache(n) – bewusst zu rezipieren und zu verwenden, den Spracherwerbsprozess. Die Schülerinnen und Schüler müssen zum anderen in ihrer Sprachlernkompetenz langfristig gefördert werden, um das eigene Sprachenlernen zielgerichtet zu steuern. Dieser Prozess beginnt bereits im Fremdsprachenunterricht der Grundschule. Die Lernenden sollen Strategien und Methoden erwerben, die sie dazu befähigen, ihr Lernen selbstständig zu organisieren und nach Ende ihrer Schulzeit im Sinne des lebenslangen Lernens weitere Fremdsprachen im außerschulischen Umfeld zu erlernen. Eine Voraussetzung dafür besteht darin, dass sie in ihrer Schullaufbahn allmählich Eigenverantwortung für ihren Lernprozess und -zuwachs übernehmen. Im Zuge der digitalen Transformation haben spezifische Kompetenzen wie Kollaboration, Kreativität, kritisches Denken und Kommunikation an Bedeutung gewonnen. Sie erfordern eine Schulung der Lernenden im Umgang mit digitaler Kommunikation in der Fremdsprache und mit digitalen Hilfsmitteln zur Unterstützung von Sprachlernprozessen. Diese prozessbezogene fremdsprachenspezifische digitale Kompetenz wird im Fremdsprachenunterricht gefördert.
Prozessbezogene Kompetenzen können nicht von den inhaltsbezogenen Kompetenzen losgelöst erworben werden, sie sind nicht gestuft und werden nicht unmittelbar geprüft. Der ausgewiesene Stand stellt die Zielstufe dar, die das beim Abschluss der Kursstufe zu erreichende Niveau beschreibt.
Die inhaltsbezogenen Kompetenzen umfassen die als zentrales Ziel ausgewiesene interkulturelle kommunikative Kompetenz, die funktionale kommunikative Kompetenz und schließlich die Text- und Medienkompetenz. Voraussetzung für einen gelingenden Kompetenzaufbau ist, dass die Schülerinnen und Schüler in einem aufgabenorientierten Unterricht angemessene sprachliche Mittel erwerben, indem sie diese wahrnehmen, in der Anwendung einüben und reflektieren. Dabei sollen lexikogrammatische Einheiten eine zentrale Rolle spielen. Für die Realisierung der kommunikativen Kompetenzen haben die sprachlichen Mittel dienende Funktion.
Die Text- und Medienkompetenz verlangt den Schülerinnen und Schülern einen komplexeren Umgang mit Texten ab, der über die reine Textrezeption hinausgeht. Sie erfordert, dass Schülerinnen und Schüler Texte zunehmend tiefer durchdringen und sich produktiv mit ihnen auseinandersetzen. Die Lernenden sollen die Fähigkeit erwerben, Texte zu strukturieren und zu analysieren, sie zu reflektieren und zu bewerten beziehungsweise neu zu gestalten. In den Bildungsplänen der modernen Fremdsprachen wird von einem erweiterten Textbegriff ausgegangen. Als Texte werden demnach alle mündlichen, visuellen und multimodalen Produkte in ihrem jeweiligen kulturellen und medialen Kontext verstanden, die analog oder digital vermittelt werden. Von entscheidender Bedeutung für den gymnasialen Fremdsprachenunterricht ist die Auseinandersetzung mit kulturell geprägten Deutungsmustern. Aus diesem Grund hat die Beschäftigung mit literarischen Texten von Autorinnen und Autoren mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund dort einen besonderen Stellenwert.
In interkulturellen Kommunikationssituationen kommt der Mediation als integrativer Kompetenz eine wichtige Bedeutung zu: Über die Sprachmittlung zwischen verschiedenen Sprachen hinaus beinhaltet das Konzept der Mediation auch eine soziokulturelle Komponente. Das heißt, Mediationssituationen können sich nicht nur zwischen zwei Sprachen, sondern auch innerhalb einer Sprache (zum Beispiel zwischen Varietäten oder in Form einer Vereinfachung) ergeben.
Jeweils zu Beginn der inhaltsbezogenen Kompetenzen werden im Bildungsplan Themen genannt, denn die Schülerinnen und Schüler erwerben die ausgewiesenen Kompetenzen nicht losgelöst von soziokulturellem Wissen. Dies geschieht vielmehr in der ständigen Begegnung und Auseinandersetzung mit Themen, die in ihrer Progression zunehmend gesellschaftsorientiert werden und ein vertieftes kulturelles Verständnis zum Ziel haben.
Methodisch-strategische Teilkompetenzen sind den funktionalen kommunikativen Kompetenzen zugeordnet. Sie sind jeweils am Ende einer Kompetenz aufgeführt und durch eine Zwischenüberschrift kenntlich gemacht. Verweise auf Teilkompetenzen anderer Bereiche der Fremdsprachenpläne zeigen, welche Teilkompetenzen Grundlage oder sinnvolle Erweiterungsmöglichkeiten darstellen. Mit den vorliegenden Verweisen wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben; sie sind nicht grundsätzlich verbindlich, sondern sollen zum Querlesen einladen.
Um den Lernstand, den die Schülerinnen und Schüler laut Bildungsplan aus den vorherigen in die nachfolgenden Klassen mitbringen sollen, besser nachvollziehen zu können, hat die jeweilige Teilkompetenz über alle Klassen hinweg die gleiche Nummerierung. Die Progression der einzelnen (Teil-)Kompetenzen wird so erkennbar. Mitunter wird eine Teilkompetenz ab einer bestimmten Klasse nicht mehr fortgeführt beziehungsweise sie setzt später ein. In diesen Fällen erfolgt ein konkreter Hinweis in der jeweiligen Zeile. Die Teilkompetenzen werden anhand von Operatoren beschrieben, deren jeweilige Bedeutung in der Liste im Anhang der Pläne definiert ist. Die definierten handlungsleitenden Verben dienen dazu, sämtliche sprachliche Operationen, die im Laufe des Erwerbs aller kommunikativen Kompetenzen erlernt werden, trennscharf zu erfassen. Es handelt sich dabei nicht um die fremdsprachlichen Prüfungsoperatoren.
1.3 Bildungswert des Faches Chinesisch
Chinesisch ist eine der sechs Amtssprachen der UNO und erlangt im Kontext der Globalisierung auch als Verkehrssprache weltweit immer größere Bedeutung. Darüber hinaus stellt China-Kompetenz einen wichtigen Erschließungsfaktor für den gesamten asiatischen Raum dar.
Die chinesische Sprache mit ihrer Tonalität, ihren linguistischen Besonderheiten und ihrem eigenen Schriftsystem bietet den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, sich mit einer distanten Sprachwelt auseinanderzusetzen. Dadurch erweitert das Fach die angestrebte Mehrsprachigkeit über die Grenzen Europas hinaus. Im Chinesischunterricht gewinnen die Schülerinnen und Schüler aber auch Einblick in eine der ältesten sowie facettenreichsten Kultur- und Denktraditionen und entwickeln so ein vertieftes Verständnis für die Vielfalt der gegenwärtigen chinesischen Lebenswirklichkeit.
Das Fach Chinesisch trägt durch sprachlich vermitteltes Fremd‑, Sach- und Selbstverstehen nicht nur zur Bildung eines reflektierten Sprachbewusstseins bei, sondern schafft auch Bedingungen für einen gleichberechtigten Dialog und eine wechselseitige Horizonterweiterung.
1.3.1 Beitrag des Faches zu den Leitperspektiven und zur Demokratiebildung
In welcher Weise das Fach Chinesisch einen Beitrag zu den Leitperspektiven und zur Demokratiebildung leistet, wird im Folgenden dargestellt:
- Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)
Der Chinesischunterricht erweitert den Horizont der Lernenden nach Asien und thematisiert zentrale globale Fragen wie Chinas Rolle, Ökologie und sozialen Wandel. Kompetenzorientiert setzen sich die Schülerinnen und Schüler sprachhandelnd mit Nachhaltigkeit auseinander: Sie erschließen und bewerten Perspektiven, formulieren Positionen und reflektieren die Dimensionen nachhaltiger Entwicklung in chinesischen Kontexten. Dadurch stärken sie ihr Urteilsvermögen, verstehen die Wirkung von Werten in Entscheidungen und erfahren, wie sie zu einer nachhaltigen, demokratischen Zukunft beitragen können. So fördert der Unterricht Zukunftsverantwortung, globale Perspektivübernahme und reflektierte Entscheidungsfähigkeit. - Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt (BTV)
Indem die Schülerinnen und Schüler die verschiedenen Lebenswirklichkeiten des chinesischen Kulturraums kennenlernen und erleben, werden sie für fremde Lebensweisen sensibilisiert, können eigene Wertvorstellungen mit denen anderer vergleichen und die Zusammenhänge reflektieren. Das Fach Chinesisch trägt damit zu wertorientiertem Handeln, Weltoffenheit, Empathie sowie Toleranz, Solidarität und Akzeptanz von Vielfalt bei und fördert die Fähigkeit zur Konfliktbewältigung sowie zum interkulturellen und interreligiösen Dialog. - Prävention und Gesundheitsförderung (PG)
Das Fach Chinesisch trägt in besonderer Weise zur Stärkung persönlicher Schutzfaktoren und zur Förderung von Lebenskompetenzen bei, indem es Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit eröffnet, traditionelle chinesische Formen von 养生 („Lebenspflege“) und 修身 („Selbstkultivierung“) kennenzulernen, etwa traditionelle Ernährungs- und Heilkonzepte sowie verschiedene Konzentrations‑, Meditations- und Kampfkunstpraktiken. Auf dieser Grundlage werden sie auch befähigt, Lernprozesse selbstreguliert, effektiv und zielgerichtet zu gestalten, in Kommunikationssituationen angemessen zu interagieren sowie Konflikte lösungsorientiert zu bewältigen. Zugleich erwerben sie im Chinesischunterricht die Kompetenz, Potenziale und Risiken digitaler Medien reflektiert einzuschätzen und so einen ausgewogenen und gesundheitsförderlichen Umgang mit Technologie zu entwickeln. - Berufliche Orientierung (BO)
Der Chinesischunterricht trägt der zunehmenden Bedeutung des chinesischen Wirtschafts- und Kulturraums Rechnung. Indem die Schülerinnen und Schüler Einblicke in die chinesische Lebens‑, Berufs- und Arbeitswelt erhalten, erwerben sie wichtige interkulturelle sowie kommunikative China-Kompetenz, die ihnen vielfältige Chancen der Studien- und Berufsorientierung im europäischen und chinesischsprachigen Kulturraum eröffnet. - Leben und Lernen in einer digitalisierten Welt (LDW)
Im Chinesischunterricht setzen sich die Schülerinnen und Schüler unter inhaltlichen, ästhetischen und gesellschaftspolitischen Aspekten mit unterschiedlichen Medien auseinander, analysieren und reflektieren diese und wirken an der Mediengesellschaft mit. Sie sammeln und bewerten Informationen aus analogen und digitalen Quellen und entwickeln so ein Verständnis für die chinesische Medienlandschaft in ihren gegenwärtigen und historischen Dimensionen. Im digitalen Raum kommunizieren und kooperieren sie, indem sie digitale Produkte entwickeln, gestalten und präsentieren. Dabei nutzen sie Medien reflektiert und funktional, erkennen Möglichkeiten sowie Grenzen einer zunehmend digitalisierten Welt und sind in der Lage, unter diesen Bedingungen verantwortungsbewusst zu handeln. - Verbraucherbildung (VB)
Durch den Vergleich deutscher und chinesischer Konsumkulturen erwerben die Schülerinnen und Schüler Kompetenzen für ein reflektiertes Verbraucherverhalten. Sie setzen sich dabei sowohl mit globalen Wirtschaftsprozessen als auch mit spezifischen Produktionsbedingungen auseinander, reflektieren Aspekte von Alltagskonsum sowie den Einfluss von Medien und lernen, als verantwortungsvolle Konsumentinnen und Konsumenten zu agieren. - Demokratiebildung (D)
Der Chinesischunterricht eröffnet besondere Zugänge zur Demokratiebildung, indem er Einblicke in die kulturelle, historische und gesellschaftliche Vielfalt chinesischsprachiger Räume (Volksrepublik China, Taiwan, Hongkong und chinesische Diaspora) ermöglicht. Der Erwerb der chinesischen Sprache sowie die Arbeit mit authentischen Texten und Medien sensibilisieren Schülerinnen und Schüler für unterschiedliche Lebensrealitäten, Wertvorstellungen, religiöse Überzeugungen und gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen. Die vergleichende Auseinandersetzung mit verschiedenen politischen Systemen und sozialen Ordnungen fördert Perspektivwechsel, kritische Reflexion und ein vertieftes Verständnis demokratischer Grundprinzipien wie Meinungsfreiheit, Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit und Partizipation. Anhand historischer und aktueller Themen (zum Beispiel Familie und Gemeinschaft, Bildung und Leistungsdruck, Medien und Zensur, soziale Ungleichheit, Umweltfragen) lernen die Schülerinnen und Schüler, kulturelle Unterschiede analytisch zu erfassen und mit demokratischen Wertvorstellungen in Beziehung zu setzen. Ein reflektierter Umgang mit Sprache, Schrift und Kommunikation unterstützt die Entwicklung einer respektvollen und zugleich kritischen Gesprächskultur. Diskussions- und Debattenformate, projektorientiertes Arbeiten sowie internationale oder digitale Austauschformate stärken Selbstwirksamkeit, Partizipation und interkulturelle Handlungskompetenz. Auf diese Weise werden die Schülerinnen und Schüler befähigt, Verantwortung für sich selbst und für ein demokratisches, solidarisches Zusammenleben in einer globalisierten Welt zu übernehmen.
1.3.2 Chinesisch als dritte Fremdsprache
Grundlage der Kompetenzanforderungen des vorliegenden Bildungsplans sind der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER) und die Bildungsstandards der KMK (2023).
Der Chinesischunterricht basiert auf der Standardsprache Putonghua und den in der Volksrepublik China etablierten Kurzzeichen und ist auf die chinesischsprachigen Bezugskulturen Chinas, Taiwans und weiterer chinesischsprachiger Regionen fokussiert.
Soweit die Maßstäbe des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER) auf eine distante Fremdsprache wie das Chinesische anwendbar sind, erreichen die Schülerinnen und Schüler nach Klasse 11 das GER-Niveau A2+. Zum Ende der Kursstufe 2 erreichen sie das GER-Niveau B1.
Den sprachspezifischen Besonderheiten des Schriftsystems und der Tonalität wird dabei angemessen Rechnung getragen.
1.4 Didaktische Hinweise
Der kommunikative Ansatz des schulischen Fremdsprachenlernens verlangt im Sinne der funktionalen Einsprachigkeit, dass der Unterricht überwiegend in der Zielsprache stattfindet und sich auf authentische, auch digital vermittelte Materialien stützt. Bei komplexen Sachverhalten inhaltlicher und sprachlicher Art kann im Chinesischunterricht die Verwendung des Deutschen jedoch notwendig sein.
Heterogene Lerngruppen stellen eine besondere Herausforderung und Chance für den Chinesischunterricht dar. Die Einbindung von Schülerinnen und Schülern mit chinesischsprachigem Hintergrund erfordert gezielte Maßnahmen der Binnendifferenzierung und ermöglicht zugleich authentische Direktbegegnungen im Schulalltag. Die Mitwirkung von Fremdsprachenassistentinnen und ‑assistenten sowie der Einsatz vielfältiger digitaler Lernmethoden – von interaktiven Online-Plattformen über kollaborative Lern-Apps bis hin zu digitalen Recherche- und Produktionswerkzeugen – bereichern den Unterricht zusätzlich und fördern die eigenständige Nutzung sprachlicher Ressourcen.
Eine prägende Rolle können darüber hinaus Begegnungen mit der chinesischen Sprache und Kultur an außerschulischen Lernorten spielen. Im Rahmen von Exkursionen und Projekten sowie Schüleraustausch und Studienfahrten erhalten die Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, die distante chinesische Lebenswirklichkeit unmittelbar zu erleben und ihre sprachliche und interkulturelle Handlungsfähigkeit zu stärken.
Die Entwicklung interkultureller kommunikativer Kompetenz, das übergeordnete Ziel des Fremdsprachenlernens, wird durch Aufgabenorientierung gefördert. Bei der Bearbeitung lebensweltlich relevanter Aufgaben zeigen die Schülerinnen und Schüler, dass sie zuvor isoliert eingeübte Teilkompetenzen in realitätsnahen Kommunikationssituationen zielgerichtet anwenden können.
Bei der Schulung der einzelnen Kompetenzen ist im Chinesischunterricht den Dimensionen der linguistischen und der schriftsystemischen Distanz didaktisch in besonderer Weise Rechnung zu tragen.
Aufgrund der hohen Idiomatik der chinesischen Sprache ist beim Aufbau des themenspezifischen und allgemeinen Wortschatzes besonders auf die Vermittlung typischer Wortverbindungen zu achten. Dazu zählen Kollokationen wie Verb-Objekt-Verbindungen (zum Beispiel 吃饭,办手续,采取措施) und verbale oder nominale Ergänzungen (etwa 去过,打开,听不懂,三口人), aber auch feste (funktionale) Wendungen (beispielsweise 加油,好极了,对我来说,举个例子,总而言之) sowie idiomatische Ausdrücke und Sprichwörter (zum Beispiel 马马虎虎,一心一意,熟能生巧,自相矛盾). Diese sprachlichen Strukturen werden nicht isoliert, sondern als lexikogrammatische Einheiten vermittelt.
Die Komplexität des chinesischen Schriftsystems macht die Entwicklung von Lese- und Schreibkompetenz zeitaufwändig. Der gezielte Einsatz digitaler Medien und die frühe Schulung computergestützten Schreibens unterstützen die schriftliche Kommunikationsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler. Zur Förderung des Leseverstehens werden regelmäßig aktuelle authentische Texte genutzt, die gegebenenfalls didaktisch bearbeitet und mit Hanyu Pinyin unterlegt werden. Die Schülerinnen und Schüler sollen dabei auch Merkmale von Schriftsprachlichkeit kennenlernen. Der Kompetenzstand im Leseverstehen kann nicht automatisch als Maßstab für die schriftliche Textproduktion gelten.
Grundsätzlich sind schriftliche und mündliche Sprachkompetenz gleichermaßen zu fördern; im Basisfach wird jedoch die Mündlichkeit besonders akzentuiert. Die Tonalität des Chinesischen und die hohe Zahl an Homophonen erfordern konzentriertes Hören und eine korrekte Aussprache. Sowohl Hör‑/Hörsehverstehen als auch monologisches und dialogisches Sprechen sind zentrale Teilkompetenzen. Auf der Basis authentischer Texte werden die Schülerinnen und Schüler schrittweise an die teilweise hohe Sprechgeschwindigkeit und Dialektfärbung von Muttersprachlern herangeführt.
Besondere Berücksichtigung findet die Vermittlung von Text- und Medienkompetenz, die den sachgerechten, kritischen und verantwortungsvollen Umgang mit analogen und digitalen Medien einschließt. Durch analytische und kreative, auch digital gestützte Zugänge vertiefen die Schülerinnen und Schüler ihr Verständnis von Texten und Medien, bewerten Informationen und Darstellungsformen kritisch und nutzen die gewonnenen Erkenntnisse bei der Produktion verschiedener Textsorten. Auf diese Weise werden sowohl fremdsprachenspezifische digitale Kompetenz als auch Lernautonomie und Reflexionsfähigkeit systematisch gefördert.
Rezeptive und produktive Kompetenzen verbinden sich im Bereich der Mediation. Diese umfasst neben sprachlichen Fertigkeiten auch soziokulturelles Orientierungswissen, interkulturelle Kompetenz sowie den Einsatz geeigneter Strategien und Methoden. Die Fertigkeiten der schriftlichen und mündlichen Mediation sollten regelmäßig eingeübt werden, damit die Schülerinnen und Schüler in interkulturellen Kommunikationssituationen adressatengerecht und situationsangemessen sprachmittelnd agieren können.
Die Ausrichtung des Fremdsprachenunterrichts auf die Entwicklung der Kommunikationsfähigkeit hat unmittelbare Konsequenzen für den Umgang mit Fehlern. Bei spontanen mündlichen Schüleräußerungen sollten ausgewählte Fehler behutsam korrigiert werden. Die Bewertung schriftlicher und mündlicher Leistungen orientiert sich nicht am muttersprachlichen Niveau, sondern am Lernstand der Klassenstufe. Da sprachliche Strukturen erst allmählich sicher verfügbar werden, sind Verständlichkeit, Ausdrucksvermögen und Sprechflüssigkeit ebenso entscheidend wie sprachliche Korrektheit.
Der Erwerb der inhaltsbezogenen Kompetenzen erfolgt stets im Zusammenspiel mit den prozessbezogenen Kompetenzen. Die Auseinandersetzung mit der distanten Fremdsprache Chinesisch eröffnet den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, Sprachbewusstheit und Sprachlernkompetenz kontinuierlich zu erweitern und fremdsprachenspezifische digitale Kompetenz zu entwickeln, indem sie digitale Werkzeuge gezielt für Erschließung, Übung und Produktion sprachlicher Inhalte einsetzen.
1.5 Basisfach und Leistungsfach in der Oberstufe
In der gymnasialen Kursstufe können die Schülerinnen und Schüler das Fach Chinesisch als Basisfach oder als Leistungsfach belegen. In der Auseinandersetzung mit Texten und Medien erweitern die Schülerinnen und Schüler ihre fremdsprachlichen Kompetenzen und damit auch ihre interkulturelle Handlungskompetenz. Basisfach und Leistungsfach unterscheiden sich hinsichtlich des Komplexitäts- und Abstraktionsgrades der Texte und Themen sowie hinsichtlich der Breite, Tiefe und Differenziertheit der Aufgabenbearbeitung.