Anlage 1 PflAPrV
Die Begleitung und Unterstützung von Menschen aller Altersgruppen, ihren Bezugspersonen und Familien in kritischen Lebenssituationen, z. B. mit chronischen, onkologischen oder anderen lebenslimitierenden Erkrankungen, ist zentrales Thema in verschiedenen Handlungsfeldern der Pflege.
Diese curriculare Einheit fokussiert
- die Begleitung und Unterstützung von sterbenden Menschen,
- die Einführung in die Palliative Pflege in Bezug auf Betroffene, Bezugspersonen/Familien,
- die Auseinandersetzung mit spezifischen Pflegephänomenen und deren Reflexion.
1./2. Ausbildungsdrittel
- Begleitung und Unterstützung kritisch kranker Personen und ihrer Angehörigen in der Akut- und Langzeitversorgung unter Beachtung von Kultur/Religion
- Einführung in die Pflege sterbender Menschen
1./2. Ausbildungsdrittel
- Reflexion der Spannungsverhältnisse:
- Mitleiden und bewusster Abgrenzung
- Erleben von Leid und Schmerz und möglichen (Selbst- und Fremd-) Erwartungen an das Verhalten
- Objektorientierung versus Subjektorientierung
- Mitleiden und bewusster Abgrenzung
- Aufbau einer professionellen Pflegehaltung in Bezug zur Thematik
Grundlegend für das 1./2. Ausbildungsdrittel
- die Pflege von Menschen aller Altersstufen verantwortlich planen, organisieren, gestalten, durchführen, steuern und evaluieren (I.1 a-h)
- Pflegeprozesse und Pflegediagnostik bei Menschen aller Altersstufen mit gesundheitlichen Problemlagen planen, organisieren, gestalten, durchführen, steuern und evaluieren unter dem besonderen Fokus von Gesundheitsförderung und Prävention (I.2 a-d, f, g)
Die Auszubildenden
- pflegen, begleiten und unterstützen Menschen aller Altersstufen in Phasen fortschreitender Demenz oder schwerer chronischer Krankheitsverläufe (I.3.a).
- verfügen über grundlegendes Wissen zu Bewältigungsformen und Unterstützungsangeboten für Familien in entwicklungs- oder gesundheitsbedingten Lebenskrisen (I.3.b).
- beteiligen sich an der Durchführung eines individualisierten Pflegeprozesses bei schwerstkranken und sterbenden Menschen in verschiedenen Handlungsfeldern (I.3.c).
- begleiten schwerstkranke und sterbende Menschen, respektieren deren spezifische Bedürfnisse auch in religiöser Hinsicht und wirken mit bei der Unterstützung von Angehörigen zur Bewältigung und Verarbeitung von Verlust und Trauer (I.3.d).
- verfügen über grundlegendes Wissen zu den spezifischen Schwerpunkten palliativer Versorgungsangebote (I.3.e).
- wahren das Selbstbestimmungsrecht des zu pflegenden Menschen, insbesondere, wenn dieser in seiner Selbstbestimmungsfähigkeit eingeschränkt ist (I.6.a).
- erkennen eigene Emotionen sowie Deutungs- und Handlungsmuster in der Interaktion (II.1.a).
- wenden Grundsätze der verständigungs- und beteiligungsorientierten Gesprächsführung an (II.1.d).
- respektieren Menschenrechte, Ethikkodizes sowie religiöse, kulturelle, ethnische und andere Gewohnheiten von zu pflegenden Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen (II.3.a).
- erkennen ethische Konflikt- und Dilemmasituationen, ermitteln Handlungsalternativen und suchen Argumente zur Entscheidungsfindung (II.3.c).
- sind sich der Bedeutung von Abstimmungs- und Koordinierungsprozessen in qualifikationsheterogenen Teams bewusst und grenzen die jeweils unterschiedlichen Verantwortungs- und Aufgabenbereiche begründet voneinander ab (III.1.a).
- fordern kollegiale Beratung ein und nehmen sie an (III.1.b).
- wirken entsprechend den rechtlichen Bestimmungen an der Durchführung ärztlich veranlasster Maßnahmen der medizinischen Diagnostik und Therapie im Rahmen des erarbeiteten Kenntnisstandes mit (III.2.b).
- wirken entsprechend ihrem Kenntnisstand in der Unterstützung und Begleitung von Maßnahmen der Diagnostik und Therapie mit und übernehmen die Durchführung in stabilen Situationen (III.2.d).
- verfügen über grundlegendes Wissen zur integrierten Versorgung von chronisch kranken Menschen in der Primärversorgung (III.3.e).
- orientieren ihr Handeln an qualitätssichernden Instrumenten, wie insbesondere evidenzbasierten Leitlinien und Standards (IV.1.b).
- verfügen über ausgewähltes Wissen zu gesamtgesellschaftlichen Veränderungen, ökonomischen, technologischen sowie epidemiologischen und demografischen Entwicklungen im Gesundheits- und Sozialsystem (IV.2.b).
- sind aufmerksam für die Ökologie in den Gesundheitseinrichtungen, verfügen über grundlegendes Wissen zu Konzepten und Leitlinien für eine ökonomische und ökologische Gestaltung der Einrichtung und gehen mit materiellen und personellen Ressourcen ökonomisch und ökologisch nachhaltig um (IV.2.e).
- erschließen sich wissenschaftlich fundiertes Wissen zu ausgewählten Themen und wenden einige Kriterien zur Bewertung von Informationen an (V.1.b).
- begründen und reflektieren das Pflegehandeln kontinuierlich auf der Basis von ausgewählten zentralen pflege- und bezugswissenschaftlichen Theorien, Konzepten, Modellen und evidenzbasierten Studien (V.1.c).
- nehmen drohende Über- oder Unterforderungen frühzeitig wahr, erkennen die notwendigen Veränderungen am Arbeitsplatz und/oder des eigenen Kompetenzprofils und leiten daraus entsprechende Handlungsinitiativen ab (V.2.b).
- gehen selbstfürsorglich mit sich um und tragen zur eigenen Gesunderhaltung bei, nehmen Unterstützungsangebote wahr oder fordern diese am jeweiligen Lernort ein (V.2.c).
Handlungsanlässe
1./2. Ausbildungsdrittel
- Pflegebedarf bei Menschen aller Altersstufen und deren Bezugspersonen in kritischen Lebenssituationen, ausgelöst durch chronische, onkologische oder andere, auch angeborene, lebenslimitierende Erkrankungen
- Pflegebedarf bei sterbenden Menschen bzw. Menschen in der letzten Lebensphase aller Altersstufen und deren Bezugspersonen, u. a. Versorgung Verstorbener in verschiedenen Kontexten
- gesundheits-, alters- und entwicklungsbedingte Bearbeitungs- bzw. Bewältigungsphänomene: Veränderungspotenziale, Widerstandsfaktoren, Umstellung von Lebensplänen, Coping/unwirksames Coping/Bereitschaft zum Coping, z. B. Stressmodell von Lazarus, Salutogenese von Antonowski, Vorstellung eines Copingmodells, Ergebnisse zur Resilienzforschung
- spezifische (auch religiöse/kulturell bedingte) Selbstversorgungsbedürfnisse
- weitere Pflegediagnosen und -phänomene im Zusammenhang mit kritischen Lebenssituationen und in der letzten Lebensphase, z. B.
- chronische Schmerzen
- Obstipation, Übelkeit und Erbrechen
- Mundschleimhautprobleme
- Gelbsucht
- Todesangst
- Fatigue/Schlafmangel
- respiratorische Phänomene
- soziale Isolation/Vereinsamungsgefahr
- chronischer Kummer/Trauer
- beeinträchtigtes Wohlbefinden
- chronische Schmerzen
- RL/REK: Endlichkeit des Menschen; existenziell-seelsorgliche Begleitung; Pflegende als Krisenbegleitende
Kontextbedingungen
1./.2. Ausbildungsdrittel
- alle Bereiche der Akut- und Langzeitversorgung
- Thematisierung von Kultur/Religion
Ausgewählte Akteure
- Auszubildende
- Menschen aller Altersstufen und deren Bezugspersonen
- Angehörige anderer Gesundheitsberufe, der Seelsorge und des Bestattungswesens im Kontext kritischer Lebenssituationen, der letzten Lebensphase und des Todes
Erleben/Deuten/Verarbeiten
Auszubildende
- belastende Gefühle, z. B. Macht- und Hilflosigkeit, Unsicherheit, Angst, Sprachlosigkeit
- Phasen der Trauer
- Haltungen, z. B. Mitgefühl/Mitleid, Grenzen des Helfens, Abgrenzung, Sinnfragen
Zu pflegende Menschen und ihre Bezugspersonen
- belastende Gefühle, z. B. Angst, Machtlosigkeit, Phasen der Trauer, Verlust, Wut, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit
- Erwartungen an Pflege und Therapie
Handlungsmuster
1./2. Ausbildungsdrittel
Fokus auf Auszubildende
- Reflexion kritischer Lebenssituationen und des eigenen Erlebens Reflexion eigener Bewältigungsstrategien, Erkennen von Faktoren der Resilienz und/oder (drohender) Überforderung
- Umgang mit belastenden Erfahrungen, u. a. Einfordern von Unterstützungsangeboten, kollegiale Beratung, Mitwirken an Teamritualen
Verweis zum Konzept kollegiale Beratung (CE 03)
Fokus auf kritische kranke, sterbende Menschen, ihre Bezugspersonen und Familien
- Feststellung Pflegebedarfe, Pflegeprozessgestaltung zur Erhaltung der Lebensqualität der Menschen, dabei
- Bezugnahme auf entsprechende Pflegemodelle, u. a. Trajekt-Modell nach Corbin/Strauss
- Auseinandersetzung mit ausgewählten chronischen oder onkologischen Erkrankungen in verschiedenen Altersstufen, z. B. Kontakt mit zu pflegenden Menschen nach Erstmanifestation
- Unterstützung bei der Emotionsbewältigung, z. B. Emotionsarbeit nach Hochschild, Forschung von Zapf
- aktive Bewältigung der kritischen Lebenssituation unterstützen, z. B. Sinnfindung unterstützen unter Einbezug weiterer Dienste wie ehrenamtliche Begleiter, Seelsorger
- Begleitung sterbender Menschen und deren Bezugspersonen im Sterbeprozess, Trauerarbeit unterstützen
- Bezugnahme auf entsprechende Pflegemodelle, u. a. Trajekt-Modell nach Corbin/Strauss
- Einbezug des Expertenstandards „Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen“, relevanter Leitlinien und weiterer pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse, u. a. minimal/optimal Handling
- Palliative Care als Konzept und Versorgungsansatz
- personen- und situationsbezogene Gesprächsführung, u. a. Beileidsbekundungen aussprechen
- Unterstützung, z. B. bei der individuellen Auseinandersetzung mit den Veränderungen und bei der Lebensführung wie Ernährungstherapie, Einbezug anderer Berufsgruppen
- Informationsgabe, z. B. zur Förderung der Alltagskompetenz, der Familiengesundheit und der Selbstwirksamkeit
- Durchführung ärztlich angeordneter Maßnahmen, Mitwirkung bei Therapien, z. B. Chemotherapie, inkl. Arbeitsschutz, Konzepte und Leitlinien zur ökonomischen und ökologischen Gestaltung der Einrichtung
- Assistenz bei ärztlichen Interventionen, z. B. Mitwirkung bei Punktionen
- Interventionen zur Unterstützung der erwünschten Wirkung medizinischer Therapien
- Mitwirkung an Entscheidungsfindungsprozessen
- Zusammenarbeit im intra- und interprofessionellen Team
- Analyse von Versorgungskontexten und Systemzusammenhängen in Einrichtungen der Akut- und Langzeitversorgung unter Beachtung ökonomischer und ökologischer Prinzipien
1./2. Ausbildungsdrittel
- Ungleichheiten in den Lebens- und Sterbebedingungen im internationalen Vergleich, Versorgungs(un)gerechtigkeit
- Pflegecharta, Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland
- rechtliche Auseinandersetzungen: Betreuungsrecht, Rechtsproblematik Sterbebegleitung/Sterbehilfe, Patientenverfügung, (Vorsorge)Vollmachten, Bestattungsrecht, Hospiz- und Palliativgesetz, Sterbebegleitrecht
- Überlastungsanzeige
- Selbsthilfegruppen
- Reflexion der häuslichen Versorgung: Erwartungshaltungen, Rollenverständnisse
- ethische Modelle/Theorien
Zum Beispiel:
- Rollenspiele zu konkreten Situationen, u. a. Mitteilung der Diagnose oder Todesnachricht, Beratung zu den Pflegediagnosen und -phänomenen
- Einüben von Pflegeinterventionen
- Besuch eines Hospizes und/oder einer Palliativstation (ggf. Expertin oder Experte einladen)
- exemplarische Behandlung von Dilemmata durch Rollenspiele zu Ethikkomitee, ethisches Konsil
- Diskussion der Pflegediagnosen und -phänomene im Kontext des interprofessionellen Teams (Simulation, Rollenspiel) [D]
- Menschen, die von einer chronischen Krankheit betroffen sind, interviewen
- Pflegesituationen mit sterbenden Menschen beobachten
- Pflegesituationen mit sterbenden Menschen gestalten und Erfahrungen reflektieren
- Reflexion der Versorgungsrealität
- Pflegende in der Rolle des Advokaten für den Pflegeempfänger (Raabe, Beauchamp & Childress)
1./2. Ausbildungsdrittel
- Lernsituationen mit ersten Kontakte zu Menschen verschiedener Altersstufen, die mit kritischen Lebenssituationen konfrontiert werden, die ihr Leben grundlegend verändern, Sinnfragen stellen und die Unterstützung in der Selbstversorgung und Therapiebewältigung benötigen
- Lernsituationen, in denen sich die oben genannten Handlungsanlässe zeigen (z. T. sind es Pflegediagnosen), hierzu können jeweils exemplarisch chronische und onkologische Erkrankungen als Ursache thematisiert werden, z. B.
- Lernsituationen mit Menschen, die erfahren, dass sie an einer chronischen Erkrankung leiden (z. B. chronische Schmerzen, muskuloskelettale Erkrankungen, entzündliche Darmerkrankungen, chronische Nierenerkrankungen, Atemwegserkrankungen)
- Lernsituationen mit Menschen, die erfahren, dass sie an einer onkologischen Erkrankung leiden (z. B. Prostatakrebs, Lungenkrebs, Darmkrebs, Brustdrüsenkrebs, Hautkrebs)
- Lernsituationen, in denen Auszubildende zum ersten Mal mit einem sterbenden/verstorbenen Menschen und seinen Bezugspersonen konfrontiert werden
- Lernsituationen mit Menschen, die erfahren, dass sie an einer chronischen Erkrankung leiden (z. B. chronische Schmerzen, muskuloskelettale Erkrankungen, entzündliche Darmerkrankungen, chronische Nierenerkrankungen, Atemwegserkrankungen)